Der Grabräuberprozeß

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Hathor
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Der Grabräuberprozeß

Beitrag von Hathor » So 23. Jan 2011, 09:29

Hallo Freunde!

Unter der Herrschaft von Pharao Ramses IX (1128 - 1109 v Chr) gab es im ägyptischen Reich eine große Hungersnot. Die Folgen des Krieges gegen die Hyksos waren immer noch nicht ganz überwunden und manchmal durchstreiften noch einzelne Horden des besiegten Feindes das Land und verbreiteten überall Angst und Schrecken. Auch die jährliche Nilüberschwemmung erreichte nicht das Normalmaß und das hatte auch Einfluß auf die großen Vorratshäuser, die nicht wie üblich gefüllt waren.

Der Nil bildete die Grenze zwischen Theben, dem Land der Lebenden und seinen vielen Göttertempeln im Osten und dem Land der Toten mit den Totentempeln und dem Tal der Könige und Königinnen im Westen, wo man sich begraben ließ.

Im Westen lag aber auch Theben-West, das Dorf der Nekropolenarbeiter, der Handwerker, Steinmetze, Künstler, Maurer und Maler. Sie waren alle Staatsangestellte und man benötigte sie um die Gräber der Könige und Königinnen herzustellen. Normalerweise waren sie Priviligierte und wurden aus den großen Vorratshäusern des Pharao beköstigt. Doch jetzt, in diesen wirtschaftlichen Notzeiten, blieben die Lebensmittellieferungen manchmal aus und es herrschte Hunger.

Im 16. Regierungsjahr von Pharao Ramses IX kam in Theben das Gerücht auf, die Nekropolenarbeiter hätten Gräber der Pharaone geplündert und Kostbarkeiten aus den Gräbern würden von ihnen auf dem schwarzen Markt angeboten werden. Das Gerücht wurde Paser, dem Bürgermeister von Theben-Ost zugetragen und pflichtgemäß wie er war, ließ er von den Schreibern Hatschire und Pabes Anzeige erstatten und leitete diese an den Wesir Cha-em-wese weiter.

Das paßte nun Pawer-O, dem Bürgermeister von Theben-West gar nicht. Schließlich waren ja seine Leute aus dem Dorf der Nekropolenarbeiter davon betroffen, vielleicht machte er noch gemeinsame Sache mit ihnen. Raffiniert wie er war, beantragte er selbst einen Untersuchungsauschuss beim Wesir. 10 Gräber wurden untersucht und nur bei einem festgestellt, dass es aufgebrochen war. Bei den anderen waren die Siegel unversehrt.

Es war das Grab von Pharao Sobekemsaf und seiner Gemahlin Nubha-es. Unter anderem waren noch die Gräber von Amenophis, Aniotef, Sekenenre, Kamose und Mentehotep unversehrt.Die Kontrollen betrafen nur die Gräber der Noblen und Edlen. Deren Gräber, die tatsächlich aufgebrochen waren, blieben von den Kontrollen unberührt.

Nach langen Verhören der Nekropolenarbeiter wurden fünf von ihnen verhaftet. Wir besitzen heute noch die Details aus der Gerichtsverhandlung im Jahr 16 von Ramses IX, im 3. Monat des achet, Tag 23. Hier das Geständnis, das der Steinmetz Amun-pnufer, Sohn des Inhernacht nach hinreichender "Überredung" vor dem königlichen Gerichtshof ablegte:

"Wir begaben uns wie gewohnt auf Grabraub und fanden das Pyramidengrab von König Sobekemsaf II, Sohn des Re, das ganz und gar nicht den Pyramiden und Gräbern der Adligen glich, die wir üblicherweise ausraubten. Wir nahmen unsere Kupferwerkzeuge und erzwangen den Weg ins Innerste der Pyramide dieses Königs. Wir fanden die unterirdischen Kammern, nahmen unsere angzündeten Kerzen und gingen hinunter. Dann bahnten wir einen Weg durchs Geröll (.....) und fanden diesen Gott hinten auf seiner Grabstatt liegen. Und wir fanden die Grabstätte seiner Königin Nubhka-es neben ihm (.....) Wir öffneten ihre Sarkophage und Särge und fanden die edle Mumie dieses Königs mit einem Schwert ausgerüstet (.....)
Wir sammelten das Gold, das wir auf der edlen Mumie dieses Gottes fanden, sowiie seine Amulöette und Juwelen an seinem Hals (.....) Ebenso sammelten wir alles ein, was wir auf der Mumie der Königin finden konnten, und setzten ihre Särge in Brand. Wir nahmen die Grabbeigaben, die wir bei ihnen fanden (.....)"

Nun hatte man also das Geständnis eines Grabräubers und alles wäre in Ordnung gewesen, das Gericht konnte die Bestrafung festsetzen, wenn da nicht immer noch das Gerücht von den Kleinoden auf dem Schwarzen Markt gewesen wäre.

Paser, der Bürgermeister von Theben-Ost war nach wie vor mißtrauisch und drängte bei Händlern in seinem Bezirk auf eine Hausdurchsuchung. Und man fand Goldgegenstände aus dem Grab der Königin Isis, ehemals Gemahlin von Ramses II. Nun gab es einen Lokaltermin am Grab der Königin Isis. Die Siegel am Eingang waren unversehrt und man ließ sie öffnen. Doch was war das? Die Kommission erstarrte vor Schreck, denn im Grab war Raub und Verwüstung. Die Grabräuber waren von rückwärts eingedrungen.

Was nun folgte war eine Großrazzia, 36 Personen aus dem Dorf der Nekropolenarbeiter wurden festgenommen, darunter Priester des Amun mit dem Weihrauchdiener Nesamun. Im Grabräuberpapyri BM 10052 lesen wir in den Gerichtsakten:

"Untersuchung. Der Weihrauchdiener Nesamun, genannt Tjaybay vom Tempel des Amun wurde hereingeführt. Der Gerichtsherr nahm ihm den Eid ab und ließ ihn nachsprechen:
Wenn ich die Unwahrheit sage, möge man mich verstümmeln und nach Äthiopien schicken."Sie sagten zu ihm: "Erzähle uns, wie du mit deinen Genossen die Großen Gräber angegriffen hast, als ihr dort das Silber herausgeholt und es euch angeeignet habt."Er sagte: " Wir gingen zu einem Grab und nahmen einige Silbergefäße heraus und teilten sie unter uns auf".Er wurde mit Stockhieben geprüft. Er sagte: "Ich habe sonst nichts gesehen, was ich sagte, ist alles, was ich sah." Wieder wurde er mit Stockhieben geprüft. Er sagte: "Laßt ab, ich werde reden....."

Anschließend wurden die Hauptübeltäter streng bestraft, doch die überwiegende Mehrheit der Grabräuber ging fast straffrei aus, denn Nekropolenarbeiter wurden zum Anlegen von Gräbern immer benötigt.

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