Mystisches Denken bei Meister Eckhart

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DocNobbi
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Mystisches Denken bei Meister Eckhart

Beitrag von DocNobbi » So 13. Feb 2011, 16:16

Mystisches Denken bei Meister Eckhart

Meister Eckhart gehört in den deutschen Sprachraum. Er lehrt als Dominikanermönch in Strassburg und Köln, er ist nicht nur Professor, sondern auch Seelsorger. Er predigt in den Kirchen des oberdeutschen Raumes. Seine Predigten werden gehört, abgeschrieben und weitergereicht. Aber sie sind eine Geheimlektüre, weil ihre Verbreitung verboten ist. Als Drucke sind sie daher meist den Predigten des von der Kirche anerkannten Johannes Tau-ler beigebunden. Mit der Reformation verschwindet die deutsche mystische Literatur, sie wird nur noch von einzelnen religiös Bewegten vertreten. So breitet sich das grosse Schweigen über Eckhart aus, das erst im 19. Jahrhundert, mit der allmählichen Veröffentlichung seiner Werke, gebrochen wird.
Eckhart wurde um 1260 in einem Hochheim in Thüringen geboren. Er trat schon früh in das Dominikanerkloster in Erfurt ein. Er beschritt eine kirchliche Karriere, zuerst als Prior des Erfurter Klosters, dann als Ordensprovinzial der sächsisch-niederdeutschen Ordensprovinz, schliesslich wird er Vikar des Ordensgenerals. Parallel zu diesem Aufstieg vollzieht sich seine wissenschaftliche Karriere. Seine wissenschaftliche Ausbildung erhält er in Paris, wo Thomas von Aquin lehrte, den er aber nicht mehr gesehen hat: In Paris macht er sein Bak-kalaureat und seinen Magister, er wird damit Professor und darf sich „Meister" nennen. In Strassburg taucht er als Leiter der Ordensstudien zwischen 1314 und 1322 auf, seine Lehrtätigkeit mit einer ausgedehnten Predigttätigkeit in deutscher Sprache verbindend. Seine Übersiedlung nach Köln auf den Lehrstuhl des Albertus Magnus erweckt zwiespältige Gefühle. Wollte man ihn in Strassburg wegen des Verdachtes von Irrlehren loswerden? Schickte man ihn nach Köln an einen Ort äusserster Gefahr? Denn der Kölner Erzbischof war ein radikaler Ketzerverfolger, der z. B. mystisch eingestellte Beghinen im Rhein ertränken liess.
Eckhart geriet in Köln in die Fänge der Inquisition, er wurde angeklagt, fünfzehn seiner Lehrsätze wurden verurteilt. Sein Orden schützte ihn nicht, der Ordensgeneral erklärte zwar, er habe bei Eckhart nie abweichende Lehrmeinungen vernommen aber eigene Ordensgenossen unterstützten die Anklage. Er wurde also durch das Inquisitionsgericht verurteilt, verfasste aber eine Verteidigungsschrift, die 1880 in Soest entdeckt wurde. Genützt hat sie ihm nichts, die Kölner Inquisition überwies das Verfahren an den Hof des Papstes nach Avignon, um ihn aburteilen zu lassen.
Um sich vor der Gefahr lebenslänglicher Klosterhaft zu schützen, liess Eckart 1326 in der Dominikanerkirche zu Köln einen Widerruf seiner Lehre verlesen. mit der Klausel, er widerrufe, falls er Irrtümliches gelehrt haben sollte. Vielleicht haben ihm Freunde dazu geraten. Denn in der Richtigkeit der eigenen Anschauungen blieb Eckhart gewiss. Er will sich nicht dem kirchlichen Urteil beugen, sondern sich nur dann schuldig bekennen, wenn sich ermitteln liesse, das das von ihm Gelehrte keinen „gesunden Sinn" hat. Eckhart erreicht wenig-stens, dass er in Avignon noch einmal seine Lehre darlegen kann. 1328 ist er tot.
Darf man eine Kriminalgeschichte vermuten, die schon mit seiner Übersiedlung nach Köln begann, sich im Inquisitionsprozess fortsetzte und mit einem vielleicht gewaltsamen Tode endete? Man weiss jedenfalls nicht, ist Eckhart in Köln gestorben, in Avignon oder auf dem Wege dorthin? Dafür kennt man die Bannbulle des Jahres 1329, die 28 seiner Lehrsätze verurteilte und ihn rechtlich schutzlos gemacht hätte, wenn sie noch in seine Lebenszeit gefallen wäre. Ein Theologieprofessor im Kirchenbann, das hört man erst wieder bei Martin Luther.
Die Verurteilung durch die Kirche gilt nicht nur einer Person, sie gilt einer theologischen Richtung, seiner mystischen Theologie. Unter Mystik wird sehr Vielfältiges verstanden, hier wird der Begriff eng gefasst: Als jene Bewegung des Menschen zu Gott, die eine unmittelbare Gotteseinigung erstrebt, nur mit dem Mittel des Denkens und der Lehre, also ohne Vermittlung einer religiösen Institution. Als Urheber eines mystischen Systems kann Plotin aus Alexandria gelten, der hervorragende Philosoph des 3. Jahrhunderts und Begründer des Neuplatonismus. Von ihm geht, durch die Vermittlung mancher christlicher Theologen, der Weg direkt zu Eckhart, ja man könnte seine theologisches Bestreben so verstehen, dass er den Neuplatonismus in die christliche Lehre einarbeiten wollte.
Dem heutigen Menschen nahezubringen, was Mystik ist, erscheint als kaum zu bewältigende Aufgabe. Der Hauptstrom der westlichen Lebenshaltung geht in Richtung Tätigkeit, Selbstverwirklichung, wirtschaftlicher Erfolg. Das ganze Leben ist in seiner Tendenz auf Diesseitigkeit ausgerichtet. Aber Eckhart gehört einer ganz anderen Lebensrichtung zu, der des Mönchtums. Die mittelalterlichen Menschen werden in solche geschieden, die ihrem weltlichen Berufe nachgehen, und in solche, die als Priester und Mönche die kirchlichen Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams auf sich genommen haben.
Aber Eckhart geht weist über die Forderung nach Erfüllung der Klostergelübde hinaus. Die-se Klostergelübde sind ein Tun, sie sollen ja den priesterlichen Frommen von dem nur welt-lichen Frommen unterscheiden. Aber mit dem Lobpreis des Tuns darf man vor Gott nicht beginnen. Eckhart fordert etwas Radikaleres:
Der Mensch solle auf alles verzichten, was an menschlichen Lebensformen existiert. Er soll sich nicht in die Welt hineinbegeben, sondern er soll sich aus der Welt herausbegeben, er soll nicht werden, sondern entwerden. Er soll nicht nehmen, sondern er soll alles lassen und verlassen, er soll nicht in der Welt anwesend sein, sondern von der Welt abgeschieden sein. Der Wille des Menschen, der auf diese Welt gerichtet ist, ist nicht Gottes Wille. Der wahre Gott wohlgefällige Mensch muss leer und arm werden, an frommen Werken, an eigener Erkenntnis und eigenem Willen. Er muss sein Ich und seine Welt preisgeben. Nur der leere Mensch ist für Gott aufnahmebereit. Hier ist kein Raum für Bussübungen, für Verzichtsübungen, für Frömmigkeitsübungen.
Die damalige und heutige Frage, was soll ein Mensch tun, hält Eckhart für ganz unsachgemäss. Der Mensch solle gar nichts tun, er soll leer sein und darauf warten, was Gott an ihm tut. Schon in seinem Denkansatz treibt Eckhart das Gott-Mensch-Problem in eine äusserste Dialektik. Gott ist alles, der Mensch nur ein leeres Gefäss für Gottes Handeln. Nur wo der Menschenwille schweigt, kann Gottes Wille sich entfalten. Denn Gott ist der Schöpfer, der Geber des Lebens, der Vater der Menschen. Das aber kann nur der leer gewordene Mensch überhaupt begreifen. Er empfängt diese Welt, in der er lebt, als ein einziges Geschenk Gottes. Sein Verhältnis zu Gott ist das der Gnade und der Dankbarkeit.
Man wird sich also hüten müssen, die scheinbare Weltverleugnung Eckharts als Weltflucht zu verstehen. Es geht ihm bei seiner negativen Anthropologie darum, den Menschen aus dem Zentrum des Lebens herauszunehmen und Gott als das Zentrum allen Lebens zu etablieren. Der Dialektik von Gott und Mensch entspricht die Dialektik von Geben und Empfangen. Mystik meint daher nicht eine Lebenshaltung der Entsagung, sondern das Leerwerden des Menschen ist nur eine Voraussetzung des radikalen Gotteshandelns.
Nur wer leer ist, kann Gottes Schöpferhandeln in der Welt erkennen, kann sein Wirken in der Welt verfolgen. Von daher erhalten weltliches und kirchliches Leben eine gewisse Rechtfertigung. Man gewinnt auch nicht den Eindruck, dass Eckhart ein besonderer Asket gewesen ist, oder dass er besondere Übungen vor Gott gefordert hat. Er hat vielmehr sich bemüht, seine wichtigsten Zuhörer, Benediktinerinnen und Laienkreise der Beghinen zu beruhigen, wenn sie sich in Kasteiungen oder in frommen Halluzinationen verfingen. Er will ihnen Gottes Gnade wichtig machen. Wer leer ist, aber von Gottes Gnade erfüllt, der empfängt das Leben als Geschenk. So hat Eckhart von seiner Position der Abgeschiedenheit aus die Schöpfungslehre interpretriert.
Aber Gott ist doch nur äusserlich erfasst, wenn er als der Geber guter Gaben erkannt wird. Es gilt, Gott noch einmal ganz anders, als zum Menschen selbst gehörend, innerlich zu erfassen. Gottes Eigen sein, mit Gott eins sein, Gott in seinem Inneren tragen, das wird das positive Ziel der Mystik. Mystik will dieses Hineinziehen Gottes in das Leben des Individu-ums, will Vergöttlichung des Menschen, will Identität im Einssein mit Gott. Das Jesuswort, Ich und der Vater sind eins, bezieht Eckhart auch auf den Mystiker als Gottessohn.
Wie ist aber solches Einssein mit Gott zu bewerkstelligen? Bei der Beantwortung dieser Frage wird sich die Eckhartinterpretation in eine krichengebundenere und eine freiere Fraktion teilen. Hier wird die letztere bevorzugt.
Der Mensch hat ein Wissen um Gott. Dieses Wissen stammt nicht von ihm selber, aber es ist ihm bei seiner Menschwerdung mitgegeben worden. Er stammt aus dem göttlichen Logos und weiss um seinen Ursprung aus ihm. Dieses Vermögen der Gotteserkenntnis benennt Eckhart mit verschiedenen Ausdrücken, er kann um seiner Hörer willen vom Gotteslicht im Herzen oder vom Seelenfünklein sprechen. Sein wichtigster Ausdruck für das Phänomen der ewigen Verbindung Gottes und des Menschen wird aber der Begriff der Vernunft oder der Vernünftigkeit.
Diese Vernünftigkeit eint Gott und Mensch. Sie ist natürlich nicht als mathematische Vernunft aufzufassen, sondern, wie bei den alten Philosophen, als die Logosvernunft. Also weiss das Denken um Gott, wie sehr es auch durch die Eindrücke der Sinnenwelt von Gott abgelenkt sein mag. Bei dem Mystiker steht das "Nichtwissen" um die Welt dem „Wissen um Gott" gegenüber. Sein tiefstes Denken ist gottgemäss, ist auf Gott ausgerichtet, ist vernunft- und logosgerecht. Diese auf Gott gerichtete Vernunft sieht nun Eckhart mit dem Willen des Menschen verbunden. Mit seinem Willen will der Mensch Gott ergreifen, das ist der einzige Wille, den Eckhart gelten lässt. Dieser Wille ist auf das Einssein mit Gott, auf die Wiederherstellung seines Ursprungs aus Gott gerichtet.
Ein solcher Wille ist auch auf der Seite Gottes vorhanden. Er will dem Menschen nicht nur mittelbar in der geschaffenen Welt begegnen, sondern auch unmittelbar in der Begegnung von göttlichem und menschlichem Sein. So wird der Einzelne durch Gottes Willen und Gottes Geeist, der diesen Willen bezeugt, in die wahre Gottesgemeinschaft hineingezogen. Er wird damit neu geboren, er erfährt nach seiner ersten Geburt aus dem Fleische eine zweite Geburt aus dem Geiste. Die erste Geburt war das Ins-Leben-Treten des Menschen, seine zweite Geburt ist das „In Gott Hineintreten". Und die zweite Geburt ist grösser als die erste, denn sie führt weit über das Sichtbare hinaus, sie führt auch über kirchliches Denken hinaus. Die zweite Geburt führt in die Eigentlichkeit Gottes, in das Herz der Gottheit, sie wird als Akt der Liebe dieser Gottheit erfahren.
Bei dieser Vorstellung der Vereinigung des Ich mit der Gottheit kommt Eckhart ohne Rückgriff auf philosophische Vorstellungen nicht aus. Er verlässt alle kirchlichen gegenständlichen Gottesbilder. Über dem christlichen Schöpfergott und jenseits von ihm ist die eigentliche Gottheit, das ewige, unsichtbare Weltprinzip. Eckhart greift auf die unbedingte Transzendenz der philosophischen Gottesvorstellung zurück. Seine Gottheit ist die absolute Einheit der Dinge vor ihrer Vielgestaltigkeit. Sie ist das Ruhende vor aller Bewegung, das Vollkommene vor aller Unvollkommenheit der Welt, aber zugleich der Wille zur Schöpfung und zur Vereinigung des Menschen mit der Gottheit.
Wo Menschenwille und Gotteswille sich treffen, da geschieht der Durchbruch des Menschen zu Gott, zum absoluten Sein oder zum Ursein, wie Eckhart sagt Hier handelt es sich um die sogen. unio mystica, die Vereinigung mit einem Sein, das nur als völlige Transzendenz beschrieben werden kann. Aber seine Theologie wird dadurch nicht, wie bei zahlreichen Mystikern, zur negativen Theologie. Das Ursein enthält die Fülle des Seins, es ist Wille zur Schöpfung und zur Erlösung.
Eckhart kann theologisch zu recht extremen Vorstellungen vordringen. In der Konsequenz des Vereinigungsgedankens verwischen sich die Grenzen von Gottheit und wiedergebore-nem Menschen. Beide sind eins geworden, das wiedergeborene Individuum wird selbst zur Gottheit und damit zum Schöpfer seiner selbst.
Nun wird der vorschnell Urteilende sagen, hier handele es sich um eine handfeste Schwärmerei. Der durch die Gesellschaft gebundene und in sein Schicksal verflochtene moderne Mensch käme gar nicht auf den Gedanken, solch eine Überhöhung des Menschenbildes vorzunehmen, oder, würde er höchstens urteilen, werden hier Lehren angeboten, die vielleicht für die Erwartung eines Lebens nach dem Tode taugen, hier könne ja die Theologie frei phantasieren. Aber Eckhart denkt seine Theologie für den gegenwärtig lebenden Menschen. Die Vergöttlichung des Menschen ist nicht jenseitig, sondern diesseitig gemeint.
Der, Mensch wird göttlich als der irdische Mensch. Gott ist im leiblichen Menschen gegenwärtig. Diese Gegenwart ereignet sich in der Predigt. In seinen Predigten geht Eckhart im-mer wieder den mystischen Lösungsweg nach, vom Entwerden des Menschen bis zu seiner höchsten Erhebung über alle Dinge. Das Predigtwort, also der Zuspruch des mystischen Geheimnisses, bewirkt die Einheit von Gottheit und Menschheit. Das gesprochene Wort aus der Erkenntnis und der Erfahrung des Logos repräsentiert den ewigen Logos. Das Wort der Einheit von Gottes Gottheit und des Menschen Menschlichkeit wird zum Sakrament.
Die zu diesem theologischen Entwurf gehörende Anthropologie ist nicht weit von der des Apostel Paulus entfernt. Der innere Mensch gehört ganz der Gottheit zu, der äussere lebt sein Leben in der sinnlichen Welt. Hat nun Eckharts mystische Theologie der Einheit von Menschlichem und Göttlichem etwa für die sinnliche Welt zu bedeuten?
Er begründet mit seiner mystischen Erkenntnis zwei anthropologische Aussagen: Die von der Freiheit des Menschen und die von der Selbstlosigkeit des Menschen. Wer in der Gottheit ist, der ist frei von der sichtbaren Welt. Er wurzelt in einem Bereich, der vor aller Welt liegt, in der Transzendenz. Er ist frei von allen sklavischen Bindungen des Menschen, von Menscheninteressen und Besitzdingen. Er ist frei von allen Parteiungen, er ist auch frei von solchen Grössen wie Staat und Kirche. Er ist, wie schon Paulus sagte, ein freier Herr aller Dinge, weil die Gottheit ein freier Herr aller Dinge ist. Nur das Einssein mit der Transzendenz macht frei für die Welt. Wo aber Freiheit ist, da ist auch Selbstlosigkeit, ist sachgerechtes Urteilen, ist sachgerechtes Wirken und Hilfe wie Liebe zum Mitmenschen erst möglich. Ist diese Freiheit nicht da, wird alles Tun zur Selbsterhöhung des Menschen und zum Ausleben seiner Begierden. Eckhart begründet mit der Göttlichkeit des Menschen seine Freiheit und seine Liebe gegenüber der Welt und damit sein Gutsein. Nicht als Wunsch, nicht als blosse Hoffnung, sondern als Realität.
Zu dieser innerweltlichen Freiheit in der Transzendenz gehört auch die Freiheit im Leiden und Sterben. Das Göttliche leidet und stirbt nicht, Leiden und Sterben sind äussere Ereig-nisse, die das Gegenständliche betreffen. Der äussere Mensch muss sie tragen, aber der innere wird davon nicht berührt. Er gehört mitten im Leben einer anderen Welt zu.
Sicher ist diese Konzeption nicht auf den Fortschritt der Welt eingestellt, aber auf die Definition des Menschen als ein freier und guter Mensch. Damit steht Eckhart nahe bei Sokrates und Plato.
Eckhart ist Kirchenlehrer und begründet doch eine kirchenfreie Religiosität. Ohne es zu wollen, unterläuft er kirchliche Autoritäten, die kirchlichen Sakramente oder die gebotenen guten Werke. Was nicht aus Gott ist, aus Freiheit und Liebe getan, das ist wertlos. Fast sieht es so aus, als sei Eckhart an der sichtbaren Kirche und ihrer Praxis nicht besonders interessiert. Der Mystiker braucht ja auch nur seine mystische Theologie und sonst nichts.
Bestimmte kirchliche Lehren tauchen bei Eckart nur am Rande oder überhaupt nicht auf. Dazu gehört die gesamte kirchliche Sünden- und Erlösungslehre. Von dem erlösenden Kreuzestod Christi kaum ein Wort. Höchstens erscheint Jesus als Mitleidender. Die Lehre, die ihn wirklich interessiert hat, ist die Trinitätslehre, selbst ein Ergebnis altkirchlicher Spekulation, und darum für Eckart geeignet, seine Gottesphilosophie in sie hineinzulegen. Er spricht oft von Gott dem Vater, von der Geburt des Sohnes durch den Vater und von der Geburt des Sohnes in der gottsuchenden Seele. Aber brauchte Eckhart diese Trinitätsspe-kulation überhaupt, oder hätte er auf sie verzichten können? War sie notwendig, um die Liebe Gottes zum Menschen zu veranschaulichen oder auszudrücken, dass mit der Geburt des Frommen durch Vater, Sohn und Geist der ganze Gott in die menschliche Seele ein-zieht? Oder konnte er auf sie verzichten?
Eckhart musste natürlich die Schwierigkeit überwinden, die sich bei der Textauslegung ergab. Wenn man die neutestamentlichen Texte wörtlich interpretierte, konnte man in ihnen den von Eckhart entdeckten mystischen Sinn nicht finden. Er entnahm den Texten nur Stichworte, und zwar solche, die sich zur mystischen Interpretation der Lehre eigneten. Diese Art der Schriftauslegung war in der alten Kirche als allegorische Auslegung bekannt, aber das war lange her, und die Kirche war längst zur wörtlichen Textinterpretation überge-gangen. War Eckhart ein Unzeitgemässer oder gar ein religiös Naiver, der gar nicht gemerkt hatte, welcher Geist in seiner Kirche wehte, nämlich der Geist der Inquisition und der Transsubstantiationslehre, hatte er gar nicht bemerkt, dass die Zeiten freier Textinterpreta-tion in der Kirche längst vorüber waren? War er so verwoben in seine mystische Theologie, dass er die theologische Situation der Zeit nicht wahrnahm, oder war er so überzeugt von seiner mystischen Theologie, dass er die Theologie der Kirche seiner Zeit gar nicht wahrnehmen wollte? Mit der Bannbulle des Papstes hatte er jedenfalls nicht gerechnet. Hätte er mit ihr gerechnet, so würden die hochstehenden Predigten und die kraftvollen theologi-schen Gedanken des Meisters wohl kaum auf die Nachfahren gekommen sein.

Quelle: http://mitglied.multimania.de/Querbeet/ ... ystik.html
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