Die offeme Himmelstür

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DocNobbi
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Die offeme Himmelstür

Beitrag von DocNobbi » Di 29. Mär 2011, 22:34

Die offene Himmelstür

Petrus holte tief Luft: „Ich habe die Himmelsschlüssel verloren!“
Gott sah ihn fragend an. „Und deswegen machst du dir solche Sorgen?“
Petrus sah Gott ausgesprochen verblüfft an: „Ja, aber – ohne Schlüssel kann man hier im Himmel kein Tor und keine Tür öffnen oder abschließen!“ – „Und was wäre daran so schlimm?“
Petrus blickte überhaupt nicht mehr durch: „Aber, Gott, dann könnten alle jederzeit überall hin, wir hätten keine Kontrolle mehr ...“ Petrus seufzte. Es war die alte Auseinandersetzung zwischen ihnen – die Liebe Gottes, gut und schön, aber irgendwie musste man doch auch Ordnung halten. Wo käme man denn sonst hin ...?
„In den Himmel!“, antwortete Gott, der gelegentlich seine Fähigkeiten dazu einsetzte, die Gedanken seiner Gesprächspartner zu lesen. „Hier ist jeder willkommen, der kommen mag. Und eigentlich wäre es mir viel lieber, wenn ihr endlich diese blöden Kontrollen aufgeben und die Tore einfach weit öffnen würdet!“
„Aber“, Petrus verhaspelte sich fast, „das geht doch nicht. Wenn hier jeder käme ...“ – „Genau das will ich!“, sagte Gott entschieden, „ich möchte, dass jeder, der kommen mag, auch kommen kann – und nicht erst an der Pforte klopfen muss, Taufschein oder Firmbestätigung abgeben oder gar erst das Glaubensbekenntnis auswendig herunterbeten muss.“
Petrus schaute ihn sprachlos an. „Das war mir schon lange ein Dorn im Auge“, fuhr Gott ernsthaft fort. „Ich schenke mich schließlich her – wieso maßt ihr euch an, darüber zu urteilen, wer dieses Geschenkes würdig ist und wer nicht? Wem ich mich schenke, entscheide immer noch ich. Auf eine Verwaltung, die mir diese Entscheidung freundlicherweise abnehmen will, verzichte ich dankend.“
„Aber wir wollten doch nur ...“, wagte Petrus einzuwerfen.
„Natürlich wolltet ihr nur mein Bestes – ich weiß. Ihr wolltet mich schützen und hegen und pflegen, mir alles Mögliche ersparen. Manchmal komme ich mir dabei aber vor wie Meißner Porzellan, das zwar gut sichtbar, aber unberührbar in eine Glasvitrine gestellt wird, damit mir bloß nichts passiert. Mir passiert schon nichts, Gott geht nicht so schnell kaputt. Sorgt euch lieber darum, dass ihr nicht kaputtgeht!“
Einen Moment lang ging Petrus das Wort „Urlaub“ durch den Kopf ...


Aus: Andrea Schwarz, Bunter Faden Leben. Mutmachtexte, hrsg. von Ulrich Sander, S. 118–120
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