Im Hafen von Smyrna

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DocNobbi
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Im Hafen von Smyrna

Beitrag von DocNobbi » Fr 4. Feb 2011, 17:03

Im Hafen von Smyrna

Entnommen (Ende gekürzt) aus:
»Aus fernen Landen« - Reise-Erlebnisse und Erzählungen von Oscar Bernhardt (erstmals veröffentlicht im Jahr 1903) Autor: Oscar Bernhardt


Seit mehreren Tagen schon weilte ich in Smyrna, und saß an einem Spätnachmittage wie gewöhnlich vor einem-Speisehause, das Leben und Treiben dieser Hafenstadt beobachtend. In fast ununterbrochener Kette zogen Hunderte von Kamelen vorüber, die einen aus dem Inneren des Landes kommend, die anderen dahin zurückkehrend, spuckend und pustend legen sie sich, um ihre Last ab- und neue aufladen zu lassen; schreiend erheben sie sich wieder, und fort geht es in gleichmäßigem Tempo, nichts bringt sie aus der Ruhe.

Direkt vor mir am benachbarten Ufer lag die Vorstadt in hellem Sonnenscheine, einem einzigen großen Rosengarten gleichend.

Zahlreiche Dampf- und kleinere Boote durchkreuzten den Hafen, und es sah fast aus, als ob sie Verstecken zwischen den großen, stolzen Dampfern spielen wollten. Soeben lief ein stattliches, fast neues Schiff, Marseille mit Namen, majestätisch ruhig in den Hafen ein. An Bord stand eine zahlreiche Gesellschaft, welche mit neugierigen Blicken das vor ihnen sich entfaltende orientalische Leben betrachtete.

Es dauerte nur kurze Zeit, so waren sie gelandet, und ich sah nicht ohne Lächeln zu, wie die Herren mit großer Wichtigkeit und Umständlichkeit, unter vielem Hallo, eine Anzahl Esel bestiegen und nun, mit den Beinen fast den Boden berührend, einen Ritt auf diesen geduldigen, aber auch manchmal drollig störrischen Grautieren unternahmen.

Konnten sie doch später einmal in den Salons erzählen, im Orient einen Eselsritt mitgemacht und so natürlich das Morgenland gründlich kennengelernt zu haben.

In diesen Betrachtungen wurde ich durch einen energischen Griff nach meinem Fuße gestört, welcher auf einen mit Messing oder Bronze beschlagenen Kasten gezogen ward, gleichzeitig gellte der mir schon seit langem verhaßte, sich des Tages mehr als tausendmal wiederholende Ruf: „Lustro“ entgegen oder vielmehr von unten herauf, denn schon saß er da, der Schlingel, welchen ich schon vielmals fortgejagt hatte, und wollte mir wohl zum zehnten Mal heute die Stiefel wichsen.

Einschalten muß ich hier, daß im Orient die Schuhe nicht im Hause, sondern auf der Straße, das Paar größtenteils für zehn Para, gewichst werden.

In langer Reihe sitzen sie da mit ihren vom rohesten bis zum elegantesten Kasten, zehnerlei Farben, Lacke und Wichse bei sich führend, und überall erschallt ihr bekannter Kriegsruf. Aber nicht nur in den Straßen sind sie dem Fremden lästig, sondern-sie gehen auch in Kaffees, Speisehäusern etc. herum, kurz, hat man sich gesetzt, kommt gewiß in den nächsten zwei Minuten so ein Kastenträger, dem, wenn er fort ist, bald andere folgen.

Ärgerlich über diese Störung, wollte ich ihn wieder mit kurzen Worten abfertigen, er aber lachte mich seelenvergnügt an und - packte ruhig sein Zeug aus. Jetzt hatte ich es aber satt, faßte nach einem Glase Wasser, das auf dem Tische stand und schleuderte den Inhalt desselben nach seinem Gesicht, um ihn endlich los zu werden. Wohl hatte ich getroffen, aber nicht ihn, den Schuldigen, der war geschickt ausgewichen und auf und davon, sondern einen anderen, inzwischen herangetretenen Türken, der, nachdem er sich gemächlich mit der größten Ruhe abgetrocknet, unter devotem Gruße seine Aufwartung mit „Lustro“ macht. Halb belustigt, halb ärgerlich, gewährte ich diesem, meine Stiefel wichsen zu dürfen, um ihn zugleich für die unverhoffte,. wenn auch vielleicht nicht gerade unnötige Dusche zu entschädigen. Endlich konnte ich nun wieder meinen Betrachtungen nachhängen. Aber wie lange? Schon tönte Lärm aus dem Inneren des Zimmers, und ich glaubte die Stimme des soeben von mir Gebadeten zu hören.

Das Zimmer bestand aus zwei Abteilungen, die hintere war erhöht, und es führten zu dieser fünf Stufen hinauf. Neugierig trat ich ein und sah den armen Stiefelwichser, welcher heute jedenfalls seinen Unglückstag hatte, an der Treppe sich in einer Brühe mit gekochten Schnecken wälzen, während die Überreste des Tellers ringsherum zerstreut lagen: ein Hund verschwand soeben mit eingekniffenem Schwanze durch die Türe. Der Türke hatte sich, ohne ein weiteres Geschäft machen zu wollen, zum Fortgehen gerüstet, als ein Hund gerade an der unteren Stufe zwischen seinen Beinen hindurch jedenfalls der erste sein wollte und ihn dadurch aus dem Gleichgewichte und zum Stürzen brachte.

Unglücklicherweise war gerade ein Kellner mit einer Portion gekochter Schnecken die Stufen herangekommen, und der arme Schelm griff während des Sturzes, nach einem Halt suchend, in den Teller, denselben natürlich mit sich reißend. Er schaute mich in seiner Lage so kläglich an, daß ich nicht anders konnte, als dem Wirte den durch seinen Sturz verursachten Schaden zu vergüten, wofür er sich jedenfalls gerne noch hundert Gläser Wasser hätte ins Gesicht werfen lassen.

Ich wanderte-nun den Hafen entlang, um das vor Anker liegende Schiff, welches Kohlen einnahm zu betrachten. Beim Auf- und Abwandeln kam plötzlich, ein ungewohnter Anblick im Orient, eine Frauengestalt mit ausgebreiteten Armen auf mich zu gerannt, schon blickten mir die dunkeln Augen durch den schwarten Schleier entgegen, da entging ich noch durch eine geschickte Wendung der mir zugedachten Liebkosung. Zu meinem Erstaunen sah ich die Frau unbeirrt weiter laufen und erkannte nun, daß die Ärmste geisteskrank sei, welche leider hier nicht in Anstalten versorgt werden; denn ich habe deren viele angetroffen.

Der Abend brach herein, schon wollte ich in mein Hotel zurückkehren, da mir nur noch ein Tag bis zur Abfahrt des Schiffes blieb und ich noch viel zu tun hatte, als aus einem der Cafes die Klänge einer Musikkapelle tönten, welche europäische Walzer zum Besten gab. Eintretend gewahrte ich zu Erstaunen hier in Smyrna eine große Damenkapelle, um welche sich türkische Offiziere geschart hatten. Des Interesses halber bestellte ich beim Kawehdschi (Wirt) Bir Kaweh as scheker ile (eine Tasse Kaffee mit wenig Zucker) und hörte nun den heimatlichen Klängen zu.

An der Türe stand in prächtigem türkischen Kostüme, strotzend von Waffen, ein Kawaß, welcher Portierdienste verrichtete.

Nicht weit von mir saßen zwei junge Griechen, jeder ein kleines Gläschen Wein vor sich. Als sie zahlen wollten, war ihnen der Preis zu hoch, der eine schlug mit der Faust auf den Tisch und weigerte sich zu zahlen. Der Kellner wurde natürlich ungeduldig, der Grieche hitzig, bis letzterer plötzlich aufstand, die Gläser vom Tische schlug, die schwere Marmorplatte ergriff und mit aller Kraft zu Boden schmetterte. Schnell stürmten nicht weniger als fünf Kellner herbei, packten von allen Seiten den wütend um sich Schlagenden und zerrten nun nicht nach der Türe ins Freie, sondern umgekehrt, nach den innernGemächern. Er hatte sich aber doch noch einmal losgerungen, warf in der Wut drei andere Platten zur Erde, würde aber endlich von hinten an den Haaren erfaßt, mit einem Ruck rückwärts zu Boden gerissen und in ein anderes Zimmer getragen.

Die Ordnung war bald wieder hergestellt und alles so ruhig wie vorher. Wo aber war der bewaffnete Kawaß während des Auftrittes? Verschwunden! Er hatte natürlich gerade etwas zu tun gehabt.

Die Musik war während des Tumultes unterbrochen worden, jetzt hörte ich aus der eingeschüchterten Mädchenschar eine helle Stimme rufen: „So etwas könnte in Deutschland nicht vorkommen!“ Also eine deutsche Damenkapelle traf ich bei meiner Rückreise hier in Smyrna. Das hatte ich nicht vermutet.

Allerdings waren die Preise im Kaffeeland außergewöhnlich hoch, wie ich mich bald überzeugen konnte, und dies hatte den Griechen in eine derartige Wut gebracht. Am anderen Tage fuhr ich mit dem griechischen Schiffe Triton nach Kreta.
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