Arten der Liebe nach Roberto Assagioli

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Bargusin
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Arten der Liebe nach Roberto Assagioli

Beitrag von Bargusin » Di 10. Jan 2012, 10:43

Die erste Liebe ist die Liebe zu sich selbst: Diese Bemerkung mag zu Überraschungen Anlaß geben, da Liebe, die auf einen selbst gerichtet ist, gewöhnlich mit Egoismus, Geltungsbedürfnis oder Narzißmus gleichgesetzt wird. Diese Art der Selbstliebe existiert natürlich, sie ist aber nicht die einzige Art; hier, wie immer, muß die große Komplexität und Vielfalt des menschlichen Lebens in Betracht gezogen werden. Im Fall der Selbstliebe hängt alles davon ab, was wir an uns selbst lieben und wie wir es lieben. Es ist in der Tat Geltungsbedürfnis, wenn wir die egozentrischen und die trennenden Aspekte in uns lieben: das Verlangen nach Vergnügungen, Besitz und Herrschaft. Wenn wir aber das in uns lieben, was höher und das Beste ist, das, was wir wesentlich sind, wenn wir unsere inneren Möglichkeiten des Wachstums, der Entwicklung, der schöpferischen Fähigkeiten und der Gemeinschaft mit anderen lieben, dann drängt uns diese Liebe, der aller Egoismus fehlt, ein Leben höherer Qualität zu leben. Diese Liebe ist dann nicht nur kein Hindernis, andere auf dieselbe Weise zu lieben, sondern vielmehr ein mächtiges Mittel, dies zu tun. Wie alle Arten der Liebe kann auch die Selbstliebe durch den Willen reguliert und geleitet werden. Die Liebe zu anderen Menschen wird durch ihren Gegenstand, ihr Objekt bestimmt.

Die Mütterliche Liebe mag als die erste und fundamentale menschliche Beziehung betrachtet werden. In ihrer anfänglichen Form hat sie die Eigenschaft eines Opfers und zeigt die willige Hingabe der Mutter an Schutz und Sorge für ihr Kind, eine Hingabe, bei der die erforderliche Selbstverleugnung freudig akzeptiert wird. Das Wachstum des Kindes ist jedoch von der Entwicklung einer gesunden Unabhängigkeit begleitet, die den rein mütterlichen Aspekt der Liebe einer gründlichen Prüfung unterzieht. Ihre Hingabe und ihr Opfermut der frühen Tage der Beziehung können sich nun leicht in Beschlagnahme und Besitzenwollen verwandeln. Der Sohn oder die Tochter erkennt dies, vielleicht nur unbewußt, und nimmt es übel. Je besitzergreifender und anspruchsvoller die Liebe der Mutter ist, desto stärker ist die Rebellion des Kindes. Und umgekehrt, je hingebungsvoller die Liebe ist, desto stärker und tiefer ist die liebende Verbindung. Wieder kann der weise Gebrauch des Willens den ganzen Unterschied ausmachen.

Die väterliche Liebe weist einen parallelen Verlauf auf, zeigt jedoch gewisse Unterschiede. Auch hier hat die grundlegende Liebe des Vaters zu seinen Kindern die Eigenschaft eines Opfers. Aber dieser anfängliche Eifer, die Kinder mit materieller und anderer Hilfe zu versorgen, macht später oft einem Drang Platz, seine Autorität zu behaupten und ihren Gehorsam zu verlangen. Es kann auch vorkommen, daß sich der Vater mit dem Kind derart identifiziert, daß er versucht, es nach seinem eigenen Bild zu gestalten, einem Bild, das oft nicht besonders empfehlenswert ist! In anderen Fällen mag er starken Druck auf sein Kind ausüben, das zu erreichen, was er selbst nicht erreichen konnte; das ist ein ungerechtes und gewöhnlich nicht zu verwirklichendes Verlangen. In den meisten Fällen ist das Ergebnis Rebellion; wenn sich das Kind jedoch unterwirft, geschieht es unwillig; und sein Gefühl der Enttäuschung kann nicht nur seine Entwicklung behindern, sondern auch die frühere liebende Beziehung schädigen oder sogar abtöten.

Die Liebe zwischen Mann und Frau ist ein anderes Gebiet, in welchem viel semantische Verwirrung herrscht. Sie ist die Ursache häufiger, ich möchte sogar sagen, beständiger Mißverständnisse und daraus folgender Konflikte. Manche Autoren nennen die Liebe zu einem Menschen des anderen Geschlechts „erotische Liebe“, aber die verschiedenen Bedeutungen des Wortes „erotisch“ machen es mißverständlich. Erotik wird im gewöhnlichen Sprachgebrauch und häufig in der einschlägigen Literatur in einem rein sexuellen Sinn verstanden und manchmal sogar als ein Synonym für Pornographie benutzt. Andererseits betrachten einige Philosophen und Psychologen, die auf den Erosmythos und die Bedeutungen, die ihm die Griechen gegeben haben, zurückgehen, den Eros als die Anziehung, die ein Geschlecht auf das andere ausübt und ein Verlangen, sich mit der anderen Person auf allen Stufen, besonders auf der emotionalen, zu verbinden und zu vereinen. In Wirklichkeit ist die Liebe zwischen Mann und Frau eine Mischung von körperlicher, emotionaler, mentaler und spiritueller Anziehung in einem Verhältnis, das sich bei jeder Beziehung weitgehend unterscheidet und sich auch im Lauf der Zeit ändert. Das erklärt die großen Schwierigkeiten, die zwei Menschen beim gegenseitigen Verstehen und beim harmonischen Verbinden und Integrieren durchmachen. Daher die Leiden und Konflikte, die sich daraus ergeben. Die bekanntesten und allgemeinen Aspekte dieser Liebe sind leidenschaftliche Liebe, sentimentale Liebe und idealistische Liebe. Nicht weniger wichtig ist die Liebe, die sich auf intellektuelles Verstehen gründet und die aus geistiger (spiritueller) Gemeinsamkeit geboren wird, obwohl sie bei der Wahl eines Gefährten gewöhnlich nicht berücksichtigt wird.

Liebesbeziehungen, die anders sind als die zwischen Menschen des entgegengesetzten Geschlechts. Hier finden wir brüderliche, altruistische und humanitäre Liebe. Obwohl diese durch ein Mitgefühl für menschliches Leid erweckt und verstärkt werden können, entstammen sie grundsätzlich einem Gefühl der wesensmäßigen Identität mit unseren Brüdern und Schwestern. In einigen Fällen, zum Beispiel der „franziskanischen Liebe“, schließt sie alle lebendigen Geschöpfe ein. Eine volle Darstellung dieser Form der Liebe enthält Martin Luther Kings Buch „Kraft zum Lieben“.

Die unpersönliche Liebe, eine Liebe zu Ideen oder Idealen: Auch in ihr finden wir verschiedene Bestandteile und Aspekte. Die Faszination durch ein Ideal oder die Schönheit einer Idee gebären oft eine Hingabe und eine hochgradige Selbstaufopferung. Aber sie können auch zu Fanatismus und zu einer fixen Idee führen: ein Mensch kann von einer Idee oder einem Ideal derart besessen sein, daß er für alles andere blind, verständnislos und grausam denen gegenüber wird, die seine Idee nicht teilen oder sich ihr entgegensetzen.

'Karikatur' der Liebe: Es ist die abgöttische Liebe, die die Form einer blinden, fanatischen Verehrung der Idole der Zeit, der Bühnen- und Filmstars, der Sportgrößen, Diktatoren und anderer Führer annimmt.

Schließlich gibt es die Liebe zu Gott oder zu dem, was man sonst als Bezeichnung für das Universale Wesen oder Sein vorziehen mag: dem höchsten Wert, dem kosmischen Geist, der höchsten Realität, im transzendenten wie im immanenten Sinne. Ein Gefühl der Ehrfurcht, der Bewunderung, der Verehrung und der Anbetung, begleitet von einem Drang, sich mit dieser Wirklichkeit zu vereinen, ist dem Menschen angeboren. Dieses Gefühl war in jedem Zeitalter und in jedem Land vorhanden und hat die vielen Formen der Verehrung gemäß den herrschenden kulturellen und psychischen Bedingungen geschaffen. Es erreicht bei den Mystikern seine Blüte, die die lebendige Erfahrung der Einheit durch die Liebe machen.


Aus dem Buch von Roberto Assagioli
Die Schulung des Willens - Methoden der Psychotherapie und der Selbsttherapie
Junfermann-Verlag, 2008

Mit diesem einzigartigen Buch will Assagioli den menschlichen Willen in den Mittelpunkt des alltäglichen Lebens zurückführen. Hier findet sich nichts mehr von der alten Vorstellung, der Wille müsse "hart und unerbittlich sein, um die Triebe der Persönlichkeit zu unterdrücken und zu verurteilen". Statt dessen definiert der Autor den Willen als eine konstruktive Kraft, die die Intuitionen, Antriebe, Gefühle und Vorstellungen des Menschen zu einer ganzheitlichen Verwirklichung des Selbst lenkt. Der Autor schlägt dazu einige Übungen vor, die der Leser zu Hause ausführen kann, damit er seinen Willen zu einer optimalen Nutzung auf allen Ebenen der Existenz ausbilden kann - vom personalen zum transpersonalen Willen bis hin in den Bereich, wo der individuelle Wille mit dem universalen Willen zusammenfließt. Durch eine solche Umgestaltung wird der Wille ein wesentlicher Bestandteil einer "Psychologie der Freude". Das Buch ist leicht verständlich geschrieben; es wendet sich an jeden, der ein Interesse an der Schulung seines Willens hat und auf diese Weise seine Selbsterfahrung vertiefen möchte. Es kann aber zugleich als ein Handbuch für Psychologen, Psychotherapeuten, Berater, Pädagogen u.a. dienen, die hier vielfältige Übungsanleitungen für ihre Praxis finden. Ein Grundlagenwerk zur von Assagioli begründeten »Psychosynthese« und gleichzeitig Trainingshandbuch zur praktischen Schulung des Willens. Für alle am Thema Willen & Wollen Interessierte.

Vorwort

Jeder kann die existentielle Erfahrung des "Wollens" machen oder hat sie gemacht - aber oft ohne volle Erkenntnis oder klares Verstehen. Dieses Buch wurde als eine Einführung und ein Führer für solche Erfahrungen und als ein Trainingshandbuch geschrieben. Es ist für die Erforschung, die Entwicklung und den Gebrauch des Willens gedacht. Es behandelt nicht nur die Art und Weise, wie der Wille gewöhnlich funktioniert, sondern wie er am besten funktionieren kann. Es beschreibt die Eigenschaften des Willens und seine verschiedenen Aspekte, die Stadien der gewollten Handlung und die Ziele, auf die diese Handlung sich ausrichten kann. Das Buch ist im wesentlichen eine phänomenologische Untersuchung auf der Basis meiner eigenen Erfahrung und von Aussagen und Berichten meiner Klienten, Studenten und Kollegen über viele Jahre hin.

Die vielen auf diese Weise gesammelten empirischen Daten ergeben eine sichere Grundlage für eine Beschreibung der verschiedenen Methoden, Techniken und Übungen zur praktischen Schulung des Willens und für seine bestmögliche Ausübung auf allen Ebenen der Existenz: vom Personalen zum Transpersonalen, bis hin in den Bereich, wo der individuelle Wille mit dem universalen Willen verschmilzt.

Dieses Buch ist auch eine einleitende Darstellung der Handlung des Wollens aus der Sicht der neueren Entwicklungen in der Psychologie - das heißt der existentiellen, der humanistischen und der transpersonalen Psychologie -, obgleich sie auch Wurzeln in verschiedenen älteren Beiträgen hat.

Weil das Thema so herausfordernd ist, habe ich den Stil so einfach wie möglich gehalten. Aber gelegentlich ist diese Einfachheit irreführend. Ich denke, daß dieses Buch nicht nur als interessante Information gelesen, sondern auch mit Gewinn tiefgehend studiert werden kann und daß die vielen Techniken im täglichen Leben geübt und angewandt werden können. Die Kapitel über Liebe und Wille, über den Transpersonalen Willen und den Universalen Willen mögen besonderer Berücksichtigung wert sein, da ihre Themen für viele Leser vielleicht neu sind.
Herzliche Grüße
Ralf (Bargusin)


"Halt dich fern von der Weisheit, die nicht weint, von der Philosophie, die nicht lacht und von der Größe, die sich nicht vor Kindern verneigt." (Khalil Gibran)

Lulu
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Re: Arten der Liebe nach Roberto Assagioli

Beitrag von Lulu » Mo 16. Jan 2012, 10:05

Lieber Ralf,

auch hier hast Du wieder einen tollen Treffer gelandet.

Danke

Viele Grüße
Ronda

Bargusin
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Re: Arten der Liebe nach Roberto Assagioli

Beitrag von Bargusin » Mo 16. Jan 2012, 10:49

Liebe Ronda,

ach wie schön - so ein Lob tut gerade jetzt gut :) (nachdem ich eine Erfahrung machte, die mich etwas traurig stimmte :()
Herzliche Grüße
Ralf (Bargusin)


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