Kostproben aus dem Märchenschatz

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Kostproben aus dem Märchenschatz

Beitrag von DocNobbi » Mo 28. Mär 2011, 22:43

Eine Kostprobe aus dem Märchenschatz


Das Goldmännlein

Eine Viertelstunde außerhalb Sculms erhebt sich eine hohe Felswand, und mitten in diese Wand ist ein alter Stollen gehauen, zu dem man heutigen Tages nicht mehr gelangen kann. Diesen Stollen bewohnte, nachdem das Bergwerk aufgegeben worden war, ein Bergmännlein, dem allein noch eine reiche, fließende Goldquelle dort bekannt war. – Nun lebte in Arèza ein armer, aber braver Mann. Dem erschien einstens der Berggeist und führte ihn ins Innere des Gebirges, wo in einem Felsengewölbe ein Gefäß mit flüssigem Golde stand. Das Bergmannli sprach: »Da nimm aus diesem Gefäße so viel du willst und so oft du willst, nur hüte dich, es jemals ganz zu leeren. Wenn du das Ende deiner Tage ahnst, dann magst du einem guten, frommen Menschen, den du liebst, das Geheimniß entdecken, der mag dann thun, wie du selbst.« Der Mann ließ sich diese Weisung nicht zwei [24] Mal sagen und mißbrauchte nie das Geschenk, durch das er nach und nach sehr reich wurde. Auf dem Sterbebett vertraute er seiner Tochter das Geheimniß. Die aber konnte eines Tages der Habsucht nicht widerstehen und leerte das Gefäß vollständig aus. Da verschwanden Gold und Gefäß, der Berg schloß sich an dieser Stelle, und das Bergmännlein ward von da an nicht mehr zu sehen.

Quelle:

Jecklin, Dietrich: Volksthümliches aus Graubünden. 3 Teile, Zürich 1874, Chur 1876, Chur 1878 (Nachdruck Zürich: Olms, 1986), S. 23-24.
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Die Kristallhöhle im Hinterbirg

Beitrag von DocNobbi » Mo 28. Mär 2011, 22:47

Die Kristallhöhle im Hinterbirg

Einige Tage vor dem Alpabzug stieg der Tschingelfelder Glausens Jaggeli den Schafen nach, um diese rechtzeitig bei der Hand zu haben. Im Hinterbirg, einem Tälchen am Rande der Alp gegen Grindelwald hin, kam Jaggeli an einen schmalen Bach, den er von früher her kannte. Noch hatte er von den Schafen keine Spur entdeckt.

Kräftig schritt er aus, denn die Tage waren kurz, und wenn die Schafe aufs Ausziehen versessen waren, dann hatte man die Zeit zu nutzen. Als er so dahinschritt, tat sich auf einmal vor ihm der Felsen auf, und er blickte in eine tiefe, geräumige Höhle. Von den kleinen und grossen Kristallen glänzte und gleisste es in allen Farben. Vergessen waren die Schafe, vergessen der späte Tag.

Er fasste sich ein Herz und betrat die Höhle. Doch schlug er beim Eintreten vorsichtig den Bergstecken an die vordersten Kristalle. Da dröhnte aus der Höhle ein mächtiger, heller Klang, als klirrten die Fensterscheiben der ganzen Welt.

Glausens Jaggeli erschrak und rannte davon. Aber er hatte sich die Umgebung und den Eingang der Höhle gemerkt. Im kleinen Bach, unweit der Höhle, lag ein gelber Stein. So konnte er bestimmt den Eingang der Höhle wieder finden. Bis zum Abend hatte er dann die Schafe zusammengetrieben.

Am nächsten Tag machte er sich wieder nach dem Hinterbirg auf. Den Bach fand er und den gelben Stein auch. Aber die Höhle konnte er nicht wiederfinden. Der Felsen tat sich nie mehr auf, sooft er auch in späteren Jahren auf die Suche ging.

Aus:
Sagen der Schweiz, Bern
Herausgegeben von Peter Keckeis
ex libris verlag Zürich, 1986
:girl:
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Re: Kostproben aus dem Märchenschatz

Beitrag von DocNobbi » Di 29. Mär 2011, 19:11

Bauer und Landvogt

Auf einem Schloss, man nannte es Gilgenberg, wohnte zu seiner Zeit ein Landvogt, der sich mit den Bauern recht gut verstand. Er ging einmal spazieren und traf auf dem Feld einen Bauern an, der am ackern war. Der Landvogt grüsste ihn: »Guten Tag, Nachbar, wie geht's?«

»Hin und her«, sagt der Bauer und sonst nichts. Er hatte es drauf angelegt, den Landvogt ein wenig in Harnisch zu bringen. Der Landvogt denkt: Diesen Bauern muss man offenbar an einem andern Ohr packen, wenn man ihn zum Reden bringen will. Und er nimmt sich vor, er wolle ihn das nächste Mal geschickter anreden.

Ein paar Tage später treffen sie wieder zusammen, und der Landvogt sagt: »Fleissig, fleissig, Nachbar? Ihr habt da wirklich zwei schöne Pferde!«

»Es waren eben auch zwei schöne Füllen!« meinte der Bauer und lässt sich keinen Augenblick bei seiner Arbeit stören. Warte nur, denkt der Landvogt, ich will dich lehren, wie man mit der gnädigen Obrigkeit spricht, du Flegel du! Er überlegt sich, wie er diesem Bauern eine Lektion erteilen könne. Beim Bauern aber war mehr Übermut im Spiel als Bosheit. Im Grunde genommen hatte er doch Respekt vor dem Landvogt, wie sich gleich zeigen wird. Beim Kleemähen findet er einmal einen schlafenden Hasen, kann ihn lebend fangen und denkt, den könnte er als schönes Geschenk ins Schloss bringen. Er zieht daheim den Sonntagsrock an, nimmt den Hasen in die Brusttasche und trabt in der besten Meinung den Schlossweg hinauf. Im Schlosshof unter den hohen Schattenbäumen ergeht sich der Landvogt und sieht einen schweren und starken Mann den Berg heraufkommen. Er fragt sich: Was will der wohl von mir? Bald sieht er, dass es jener grobe Bauer ist, und hetzt ihm die Schlosshunde an. Die stürzen sich wie Drachen den Berg hinab und auf den Mann los. In jener Zeit fürchtete man die Schlosshunde sehr, und der Mann wäre wohl recht erschrocken, wenn er zu erschrecken gewesen wäre. Aber er stand mitten auf dem Weg bockstill, knöpfte vorn nur seinen Rock auf und liess den Hasen zur Tasche hinausspringen. Nun setzten die Hunde nichts wie los dem Hasen nach und schauten den Bauern nicht mehr an. Der Landvogt sieht mit Verdruss, wie die ganze Meute in den Wald hineinschiesst, kommt von oben herabgetrippelt und fragt: »Eh! Wem springen die Hunde denn nach?« »Dem, der voranspringt!« sagt der Bauer und verzieht dabei nicht einmal sein Gesicht.

Nun platzte der Landvogt fast vor Ärger und spürte sich kaum mehr, aber er liess sich nichts anmerken und sagt zum Bauern: »Komm ins Schloss hinauf, du musst etwas zu trinken haben.«

Der Bauer hat diese Einladung nicht abgewiesen und im hinaufsteigen erzählt er ihm auch, was ihn hergeführt habe und was er habe bringen wollen. Doch der Landvogt war zu sehr erbost und hatte kein Mitleid mehr mit dem Bauern. Er winkt einem Knecht und trägt ihm auf, mit dem Gast da in den Keller zu gehen, ihn zu füllen bis er genug habe und ihn dann gottvergessen durchzuwalken.

Der Knecht tat, wie ihm befohlen war, und in den ersten Teil konnte sich der Bauer recht gut schicken. Als er bereits elf oder dreizehn Kännchen versorgt hatte und ihm der Wein allmählich die Pelzkappe lüftete, dämmert es ihm auf, die Mette könnte nun bald angehen. Er sieht auf den großen Fässern noch ein kleines liegen und sagt: »Da drin muss gewiss noch ein gutes Tröpflein sein, das wollen wir auch noch versuchen, ich habe sonst wohl aus jedem Fass ein wenig gehabt - und damit schlagt er den Hahn heraus. Der Wein kommt im Bogen herausgesprungen, und der Knecht kommt auch und schimpft: »Du Sürmel, was machst du nur!« Er stösst geschwind den Finger ins Loch. Der Bauer sucht den Hahn, findet ihn, und genau, wie es der Knecht befiehlt, steckt er ihn neben dem Finger hinein und pauf! mit dem Hammer drauf. Damit ist der Knecht ans Fässchen genagelt und schreit gar erbärmlich. Der Landvogt draussen hat schon lang auf diese Musik gewartet und wie jetzt endlich der Lärm im Keller losgeht, denkt er: Aha, der gerbt nun einmal diesen Kerl und ruft in den Keller hinunter: »Hau ihn recht ab!«

Der Bauer war als gehorsamer Diener schon an der Arbeit und haut von einem schönen Käse ein ganzes Viertel ab, nimmt diesen Käsebissen in die Brusttasche, wo vorher der Hase war, knöpft den Rock bis oben zu und wackelt mit übergeschlagenen Armen die Kellertreppe hinauf. Dazu schnitt er ein Gesicht wie Holzessig, machte saure Augen und liess den Kopf hängen wie ein armer Sünder. Oben empfängt ihn der Landvogt mit herzlicher Schadenfreude, lacht und sagt: »Nun, mein Bäuerlein, du hast eben deinen Teil erwischt für dein böses Maul!« »Gewiss habe ich das, Herr Landvogt«, antwortete das Bäuerlein, »ich und meine Frau, wir haben bestimmt ein Vierteljahr daran zu kauen!«

Otto Sutermeister: Kinder und Hausmärchen aus der Schweiz, Aarau 1837
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Frau Holle

Beitrag von DocNobbi » Di 29. Mär 2011, 19:39

Frau Holle

Gebrüder Grimm

Das Märchen von Frau Holle handelt von einem fleißigen Mädchen, das nach dem Tod des leiblichen Vaters bei der Stiefmutter lebt. Diese behandelt jedoch nur die eigene Tochter gut, an der Stieftochter lässt sie ihre Launen aus und teilt ihr mehr Arbeiten zu, als sie verrichten kann. Als dem fleißigen Mädchen die Spindel in den Brunnen fällt, zwingt die Stiefmutter sie, hinterherzuspringen. Dadurch gelangt das Mädchen in eine Phantasiewelt, die sich sowohl im Brunnen als auch oberhalb der Wolken befindet. Nachdem ihr guter Charakter mehrmals auf die Probe gestellt wurde und sie sowohl reifen Äpfeln als auch Broten in einem Backofen geholfen hat, gelangt sie an das Haus von Frau Holle. Dort darf sie bleiben und wird gut behandelt, sie muss jedoch im Haushalt helfen und die Betten ausschütteln, denn dadurch schneit es auf der Erde. Nachdem sie einige Zeit bei Frau Holle gelebt hat, bekommt sie Heimweh und bittet darum, wieder nach Hause zu dürfen. Frau Holle stimmt zu und veranlasst einen Goldregen aus dem Tor, durch das das Mädchen auf die reale Welt gelangt. Sie wird dort als goldene Jungfrau in Empfang genommen. Die faule Halbschwester ist neidisch auf das Gold und springt ebenfalls in den Brunnen. Da sie jedoch weder den Äpfeln noch den Broten hilft und auch im Haus der Frau Holle nur faulenzt, wird sie auf dem Weg nach Hause am Ende der Geschichte mit Pech überschüttet, das ein Leben lang an ihr haften bleibt.



Die Botschaft

Das Märchen von Frau Holle hat eine klare moralische Botschaft: Fleißige Menschen mit einem guten Charakter erhalten eine Belohnung, wogegen faule und böse Menschen bestraft werden.
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Re: Kostproben aus dem Märchenschatz

Beitrag von DocNobbi » So 3. Apr 2011, 21:03

Allerleirauh von den Gebrüdern Grimm

Ein König hatte eine Frau mit goldenen Haaren.
Sie war so schön, dass sich ihresgleichen nicht auf Erden fand. Aber eines Tages wurde sie krank, und als sie fühlte, dass sie sterben musste, rief sie den König und sprach: "Wenn du dich nach meinem Tode wieder vermählen willst, so nimm keine Frau zur Gemahlin, die nicht ebenso schön ist wie ich und die nicht solch goldene Haare hat wie ich. Das musst du mir versprechen." Nachdem es ihr der König zugesagt hatte, schloss sie die Augen und starb.
Lange Zeit war der König nicht zu trösten und dachte nicht daran, eine zweite Frau zu nehmen. Endlich sprachen seine Räte: "Es geht nicht anders, der König muss sich wieder vermählen, damit wir eine Königin haben." Also wurden Boten weit und breit umhergeschickt, eine Braut zu suchen, die an Schönheit der verstorbenen Königin gleichkam. Es war aber keine in der ganzen Welt zu finden, und wenn man sie auch gefunden hätte, so gab es doch keine, die solch goldene Haare gehabt hätte. Daher kamen die Boten unverrichteter Sache wieder heim.
Nun hatte der König eine Tochter, die gerade so schön war wie ihre verstorbene Mutter und auch solch goldene Haare hatte. Als sie herangewachsen war, sah sie der König einmal an und erkannte, dass sie in allem seiner verstorbenen Gemahlin ähnlich war, und fühlte plötzlich eine heftige Liebe zu ihr: Da sprach er zu seinen Räten: "Ich will meine Tochter heiraten, denn sie ist das Ebenbild meiner verstorbenen Frau, sonst kann ich doch keine finden, die ihr gleicht."
Als die Räte das hörten, erschraken sie und sprachen: "Gott hat es verboten, dass der Vater seine Tochter heiratet. Aus solcher Sünde kann nichts Gutes entstehen, und das Reich wird dadurch ins Verderben gezogen." Noch mehr erschrak die Tochter des Königs, als sie den Entschluss ihres Vaters vernahm, doch hoffte sie, ihn von seinem Vorhaben abzubringen.
"Vater", sagte sie zu ihm, "ehe ich deinen Wunsch erfülle, muss ich erst drei Kleider haben, eines so golden wie die Sonne, eines so silbern wie der Mond und eines so glänzend wie die Sterne. Dazu verlange ich noch einen Mantel von tausenderlei Pelz und Rauwerk, und ein jedes Tier in deinem Reich muss ein Stück von seiner Haut dazugeben. "Im Innern ihres Herzens glaubte sie, dass das dem König unmöglich sei und sie ihn damit von seinen bösen Gedanken abbringen könne. Der König wurde aber nicht anderen Sinnes. Die geschicktesten Jungfrauen in seinem Reiche musste die drei Kleider weben, eines so golden wie die Sonne, eines so silbern wie der Mond und eines so glänzend wie die Sterne, und seine Jäger mussten alle Tiere im ganzen Reiche einfangen und ihnen ein Stück von ihrer Haut abziehen. Daraus wurde ein Mantel von tausenderlei Rauwerk gemacht. Endlich, als alles fertig war, ließ der König den Mantel holen, breitete ihn vor seiner Tochter aus und sprach: "Morgen soll die Hochzeit sein."
Als die Königstochter erkannte, dass keine Hoffnung mehr war, ihres Vaters Herz zu wenden, fasste sie den Entschluss, zu entfliehen. In der Nacht, während alles schlief, stand sie auf und nahm von ihren Kostbarkeiten dreierlei mit: einen goldenen Ring, ein goldenes Spinnrädchen und eine goldene Haspel. Die drei Kleider von Sonne, Mond und Sternen tat sie in eine Nussschale, zog den Rauwerkmantel an und machte sich Gesicht und Hände schwarz mit Ruß. Dann befahl sie sich Gott anheim und ging fort und ging die ganze Nacht, bis sie in einen großen Wald kam. Und weil sie müde war, setzte sie sich in einen hohlen Baum und schlief endlich ein.
Die Sonne ging auf, und sie schlief fort und schlief noch immer, als es schon hoher Tag war. Da trug es sich zu, dass gerade um diese Zeit der König des Landes, in das sie bei ihrer Flucht gekommen war, in diesem Walde jagte. Als seine Hunde zu dem Baum kamen, schnupperten sie, liefen ringsherum und bellten.
"Seht doch", sprach der König zu seinen Jägern, "was sich dort für ein Wild versteckt hat."
Die Jäger gehorchten dem Befehl, und als sie zurückkehrten, sprachen sie: "Herr König, in dem hohlen Baum liegt ein wunderliches Tier, wie wir noch nie eines gesehen haben. Es hat eine Haut wie von tausenderlei Pelz, doch liegt es und schläft."
"Seht zu, ob ihr's lebendig fangen könnt", befahl der König, "dann bindet es auf einem Wagen fest und bringt es mit."
Als die Jäger das Mädchen anfassten, erwachte es voll Schrecken und rief ihnen zu: "Erbarmt euch meiner und nehmt mich mit. Ich bin ein armes Kind, von Vater und Mutter verlassen."
Da sprachen sie: "Allerleirauh, du bist gut für die Küche. Komm nur mit, da kannst du die Asche zusammenkehren." Darauf setzten sie es auf einen Wagen und fuhren mit ihm ins königliche Schloss. Dort wiesen sie ihm ein Ställchen zu, das unter der Treppe lag und wo kein Tageslicht hinkam und sagten: "Rautierchen, hier kannst du wohnen und schlafen." Danach schickten sie es in die Küche, und dort trug es Holz und Wasser, schürte das Feuer, rupfte das Federvieh, kehrte die Asche und verrichtete alle schlechte Arbeit.
Lange Zeit lebte Allerleirauh recht und schlecht und ärmlich dahin. Einmal aber geschah es, dass man ein Fest im Schoss feierte. Da sprach es zum Koch: "Darf ich ein wenig hinaufgehen und zusehen? Ich will mich außen vor die Ture stellen." "Ja, geh nur hin", antwortete der Koch, "aber in einer halben Stunde musst du wieder hier sein und die Asche zusammenkehren." Sie nahm ihr Öllämpchen, ging in ihr Ställchen, zog den Pelzrock aus und wusch sich den Ruß vom Gesicht und von den Händen, so dass ihre ganze Schönheit wieder an den Tag kam. Dann öffnete sie die Nuss und holte das Kleid hervor, das golden war wie die Sonne. Danach ging sie hinauf zum Fest, und alle traten ihr aus dem Weg, denn niemand kannte sie, und wer sie sah, war der Meinung, das müsse eine Königstochter sein. Sogleich kam ihr der König entgegen, reichte ihr die Hand und tanzte mit ihr und dachte in seinem Herzen: "So schön haben meine Augen noch keine Frau gesehen." Als der Tanz zu Ende war, verneigte sich Allerleirauh, doch als sich der König umsah, war sie verschwunden, und niemand wusste wohin. Die Wächter, die vor dem Schlosse standen, wurden gerufen, aber keiner von ihnen hatte sie hinausgehen sehen.
Sie war in ihr Ställchen gelaufen, hatte geschwind ihr Kleid ausgezogen, Gesicht und Hände schwarz gemacht und den Pelzmantel umgetan und war wieder Allerleirauh, wie sie der Koch und die Diener kannten. Als sie in die Küche kam und die Asche zusammenkehren wollte, sprach der Koch: "Lass das gut sein bis morgen und koche mir lieber die Suppe für den König. Ich will auch einmal ein bisschen oben zugucken. Doch lass mir kein Haar in die Suppe fallen, sonst kriegst du in Zukunft nichts mehr zu essen." Darauf ging er fort, und Allerleirauh kochte die Suppe für den König. Als die Suppe fertig war, holte Allerleirauh den goldenen Ring, den sie von zu Hause mitgenommen hatte und legte ihn in die Schüssel, in der sie die Suppe anrichtete. Der König ließ sich die Suppe bringen, und sie schmeckte ihm so gut, dass er meinte, niemals eine bessere Suppe gegessen zu haben. Plötzlich sah er auf dem Grund der Schüssel den goldenen Ring und konnte nicht begreifen, wie er dorthin geraten war. Er befahl den Koch zu sich. Als der Koch den Befehl hörte, erschrak er sehr und sprach zu Allerleirauh: "Gewiss hast du ein Haar in die Suppe fallen lassen. Wenn dem so ist, erhältst du Schläge." Dann eilte er hinauf zum König. "Wer hat die Suppe gekocht?" fragte der König. "Ich", antwortete der Koch. Der König aber sprach: "Das ist nicht wahr, Bursche, denn die Suppe war auf andere Art und viel besser gekocht als sonst."
"Ich muss es gestehen", erwiderte der Koch, "dass ich sie nicht gekocht habe, sondern das Rauhtierchen."
Darauf entgegnete der König: "Geh und lass das Tierchen kommen."
Als Allerleirauh kam, fragte der König: "Wer bist du?"
"Ich bin ein armes Kind, das keinen Vater und keine Mutter mehr hat."
Da fragte er weiter: " Wozu bist du in meinem Schloss?"
Darauf antwortete das Mädchen: "Ich bin zu nichts gut, als dass mir die Stiefel um den Kopf geworfen werden." "Und wo hast du den Ring her, der in der Suppe war?", forschte der König.
"Von dem Ringe weiß ich nichts", erwiderte Allerleirauh.
Der König konnte also nichts erfahren und musste das Mädchen wieder fortschicken.
Nach einiger Zeit gab es wieder ein Fest, und wieder bat Allerleirauh den Koch um Erlaubnis, zusehen zu dürfen. "Geh hinauf, aber komme in einer halben Stunde wieder und koch dem König die Suppe, die er so gern isst", sagte der Koch. Da lief das Mädchen in sein Ställchen, wusch sich eilig und nahm aus der Nuss das Kleid, das so silbern war wie der Mond und zog es an. Dann ging es hinauf in den Saal und glich einer Königstochter. Der König trat ihr entgegen und freute sich, dass er sie wiedersah. Weil gerade der Tanz begann, so tanzten sie zusammen. Als aber der Tanz zu Ende war, verschwand sie wieder so schnell, dass der König nicht erraten konnte, wo sie hingegangen war. Sie war in ihr Ställchen geeilt, hatte sich wieder in das garstige Rauhtierchen verwandelt und ging darauf in die Küche, um des Königs Suppe zu kochen. Der Koch war inzwischen in den Saal gegangen, um dem Feste zuzuschauen. Allerleirauh holte das goldene Spinnrädchen und tat es in die Schüssel, in der sie die Suppe anrichtete. Danach wurde dem König die Suppe gebracht. Er aß sie, und sie schmeckte ihm so gut wie das vorige Mal. Wieder ließ er den Koch kommen, und er musste auch dieses Mal gestehen, dass Allerleirauh die Suppe gekocht habe. Zum zweiten Mal befahl er sie vor sich, aber wieder antwortete sie: "Ich bin zu nichts anderem gut, als dass mir die Stiefel an den Kopf geworfen werden", und fügte hinzu, dass sie von dem goldenen Spinnrädchen, das der König auf dem Grund der Schüssel gefunden hatte, gar nichts wisse.
Als der König zum dritten Mal ein Fest feiern ließ, ging es nicht anders zu als die beiden Male zuvor. Allerleirauh bat den Koch, er möge sie doch wieder in den Saal hinaufgehen lassen. "Du bist eine Hexe, Rauhtierchen", sagte der Koch, "und tust immer etwas in die Suppe, dass sie so gut wird und dem König besser schmeckt als die meine, doch weil du es bist, so will ich dich gehen lassen."
Allerleirauh zog danach das Kleid an, das wie die Sterne glänzte und betrat damit den Saal. Wieder tanzte der König mit der schönen Jungfrau und dachte, dass sie noch niemals so schön gewesen sei. Während er aber mit ihr tanzte, steckte er ihr, ohne dass sie es bemerkte, einen goldenen Ring an den Finger. Außerdem hatte er befohlen, dass der Tanz recht lange währen solle. Doch einmal ging auch dieser Tanz zu Ende. Er wollte sie an den Händen halten, aber sie riss sich los und sprang so geschwind unter die Leute, dass er sie aus den Augen verlor. So schnell sie konnte, lief sie in ihr Ställchen unter der Treppe; weil sie aber zu lange im Saal geblieben war, konnte sie ihr schönes Kleid nicht mehr ausziehen. Sie hüllte sich in den Mantel von Pelz, und in der Eile machte sie sich auch nicht ganz rußig, und gerade der Finger, an den ihr der König den goldenen Ring gesteckt hatte, blieb weiß. Allerleirauh lief nun in die Küche, kochte dem König eine Suppe und legte, als der Koch nach oben gegangen war, die kleine goldene Haspel in die Schüssel hinein. Als der König die Haspel fand, ließ er das Mädchen zu sich rufen. Da erblickte er den weißen Finger und bemerkte an ihm den Ring, den er dem Mädchen beim Tanze angesteckt hatte. Er nahm ihre Hand und hielt sie fest, und als sich Allerleirauh losmachen und fort springen wollte, öffnete sich der Pelzmantel ein wenig, und das Sternenkleid schimmerte hervor. Da fasste der König den Mantel und zog ihn ihr von den Schultern. Mit einem Mal kamen ihre goldenen Haare hervor, und sie stand da in ihrer ganzen Schönheit und konnte sich nicht länger verbergen. Und als sie Ruß und Asche aus ihrem Gesicht gewischt hatte, war sie schöner als alle Frauen auf der Erde.
Darauf sprach der König: "Du sollst meine liebe Braut sein, und niemand mehr soll uns voneinander scheiden." Bald danach feierte der König Hochzeit mit Allerleirauh, und sie lebten von da an vergnügt und glücklich bis an ihren Tod.
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