Manichäer

"Der wahrhaft religiöse Geist ist frei von allen Gurus." (Krishnamurti, Vollkommene Freiheit)
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Flora
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Manichäer

Beitrag von Flora » So 1. Jan 2012, 19:09

Manichäischer Psalm No. 225 an den Geist der Wahrheit,
gesungen am Festtag des Bêma
________________________________________

VEREHREN WIR DEN Tröster-Geist!

Gelobt sei unser Herr Jesus,
der uns gesandt hat den Geist der Wahrheit.
Dieser kam und hat uns der Abirrung der Welt entrissen.
Einen Spiegel brachte er uns:
Hineinblickend erschauten wir darin das Universum.

Als der Heilige Geist kam, offenbarte er uns den Weg der Wahrheit.
Er lehrte uns die zwei Wesensnaturen,
die Wesensnatur des Lichtes und die der Finsternis.
Die Lichtnatur durchdringt die Dunkelnatur,
gleichwohl sind sie voneinander geschieden seit Anbeginn.

Verehren wir den Geist der Wahrheit!

Das Reich des Lichtes besteht aus fünf wesenhaften Größen,
die da sind der Vater und seine zwölf Äonen,
und die Äonen der Äonen,
der Lebensäther, das Land des Lichtes,
darin der große Geist weht, sie nährend mit seinem Lichte.

Verehren wir den Geist der Wahrheit!

Das Reich der Finsternis besteht aus fünf Bereichen,
die da sind Rauch, dunkle Feuerglut, Sturmeswind,
trübe Wasser und Stoffes-Finsternis.
Das Gedankenwesen, das in ihnen herumkriecht,
bringt sie in Bewegung und hetzt sie auf,
gegeneinander Krieg zu führen.

Gegeneinander Krieg führend wagten sie es,
das Land des Lichtes anzugreifen,
in dem Wahn, daß sie es besiegen könnten.
Doch sie ahnten nicht,
daß ihre Gedanken auf sie selbst zurückfallen würden.

Es gibt eine Vielheit von Engeln im Land des Lichtes,
welche die Macht haben, daraus hervorzugehen,
um den Feind des Vaters zu unterwerfen.
Es gefiel dem Vater, durch Aussendung Seines Wortes
die Rebellen zu unterwerfen, die sich gegen das erheben wollten,
was höher war als sie.

Er war gleich dem Hirten, der einen Löwen herankommen sieht,
mit der dunklen Absicht, seine Herde zu vernichten.
Klug gibt er ein Lamm als Köder preis,
um damit den Löwen zu fangen.
Und so rettet er durch ein einziges Lamm seine ganze Herde.
Danach heilt er auch das vom Löwen verwundete Lamm.

Dies geschah auch durch den Vater,
der Seinen starken Sohn sandte:
Dieser brachte aus sich die Jungfrau hervor, die Lebendige Seele,
die in sich fünf Kräfte barg,
auf daß sie die fünf Abgründe der Finsternis bekämpfe.

Der Wächter an den Grenzen des Lichtlandes
zeigte den fünf Schlünden die Jungfrau, Seine Lebendige Seele.
Da gerieten jene in ihren Abgründen in Aufruhr
und wollten die Lebendige Seele verschlingen
mit geöffnetem Maul.

Der Wächter begann, die Lebendige Seele auszubreiten
wie Netze über Fische,
sie drang wie reines Regenwasser in die Abgrundtiefen ein,
durchbohrte sie wie ein scharfer Blitz,
durchdrang ihre Eingeweide und fesselte sie alle.
Jene aber waren sich dessen nicht bewußt.

Als der Urmensch seinen Kampf
beendet hatte,
entsandte der Vater
Seinen zweiten Sohn.
Er kam, seinem Bruder aus dem
Abgrund empor zu helfen.
Er errichtete diese Welt
aus dem Gemisch,
welches enthält Licht und Finsternis.

Alle Kräfte des Abgrunds verteilte er
auf zehn Himmelsphären
und acht Erdschichten.
Er schloß sie ein in diesen Kosmos,
der so als Gefängnis dient
für alle Mächte der Finsternis.
Der Kosmos wurde zur Stätte der
läuternden Erlösung
der an die Finsternis hingeopferten, versunkenen Lebendigen Seele.

Sonne und Mond wurden geschaffen,
erhielten ihren Platz in der Höhe,
um die Lebendige Seele zu reinigen.
Was täglich geläutert wird, wird zur Höhe emporgehoben,
der Bodensatz wird hinabgestoßen auf die vermischte Welt.
So wird geschieden nach oben und unten.

Dieser Kosmos dauert ein bestimmtes Weltenalter.
Außerhalb dieser Welt wird jedoch ein großer Bau errichtet.
Zur Stunde, da der Baumeister sein Werk vollendet haben wird,
wird dieser ganze Kosmos aufgelöst und in Brand gesteckt,
damit das Weltenfeuer ihn verzehre.

Alles Leben, die im Raum verteilten Licht-Elemente,
werden sich sammeln und gemeinsam bilden eine Licht-Säule.
Der Gedanke des Todes aber, die Macht der Finsternis,
wird sich sammeln und sich formen
zu einem Schlackeklumpen der Archonten.

Es wird kommen der Moment,
da der Lebendige Geist herniederfährt,
den Lichtwesen beizustehen.
Die Gedankenwesen des Todes und der Finsternis aber
wird er verschließen in dem Bereich, der dazu geschaffen wurde,
damit sie darin gebunden seien auf ewig.

Nicht gibt es ein anderes Mittel, den Feind zu binden, als dieses.
Denn da die Finsternis dem Licht wesensfremd ist,
kann sie vom Licht nicht aufgenommen werden.
Und die Finsternis darf nicht in ihrem Reich verbleiben,
damit sie nicht einen weiteren, noch größeren Krieg beginne.
Ein neuer Äon wird errichtet werden anstelle der vergänglichen Welt,
auf daß die Kräfte des Lichtes in ihm herrschen.
Denn sie haben den ganzen Willen des Vaters vollbracht.
Sie haben die finstere Macht gebrochen und den Sieg errungen.

Verehren wir den Geist der Wahrheit!

Dies ist die Gnosis von Mani.
Laßt uns zu ihm beten und ihn preisen.
Heil jenem, der ihm Glauben schenkt!
Denn er wird leben mit allen Gerechten.

Verehren wir den Geist der Wahrheit!

Glorie und Sieg sei unserem Herrn Mani,
dem Wesensgefäß des Geistes der Wahrheit,
der aus dem Vater hervorgeht.
Enthüllt hat er uns Anfang, Mitte und Ende!

Verehren wir den Geist der Wahrheit!
________________________________________
Koptisch-manichäischer Psalm 233 ,A Manichaean Psalm-Book, part II.Ed. C.R.C. Allberry
Herzliche Grüße Flora

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Re: Manichäer

Beitrag von norbert51de » So 1. Jan 2012, 21:12

Warum sollte man den "Herrn" Mani verehren?

Es gibt nur einen Herrn, und das ist Jesus Christus.

Liebe Grüße,
Norbert
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Re: Manichäer

Beitrag von Bargusin » Mo 2. Jan 2012, 09:01

Darum, lieber Norbert:

"Manes ist jene hohe Individualität, die immer und immer wieder auf der Erde verkörpert ist, die der leitende Geist ist derer, die zur Bekehrung des Bösen da sind." (Rudolf Steiner)

Weiter: http://wiki.anthroposophie.net/Mani_%28 ... stifter%29
Herzliche Grüße
Ralf (Bargusin)


"Halt dich fern von der Weisheit, die nicht weint, von der Philosophie, die nicht lacht und von der Größe, die sich nicht vor Kindern verneigt." (Khalil Gibran)

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Re: Manichäer

Beitrag von norbert51de » Mo 2. Jan 2012, 17:17

Bargusin hat geschrieben:Darum, lieber Norbert:

"Manes ist jene hohe Individualität, die immer und immer wieder auf der Erde verkörpert ist, die der leitende Geist ist derer, die zur Bekehrung des Bösen da sind." (Rudolf Steiner)

Weiter: http://wiki.anthroposophie.net/Mani_%28 ... stifter%29
Lieber Ralf,

in dem Beitrag wurde Mani als unser Herr bezeichnet.

Also, mein Herr ist Manes oder Mani ganz sicher nicht. Und wie hoch er auch stehen mag, er steht immer noch unterhalb der Trinität.

Handelt es sich denn nach Steiners Lehre dabei um einen Menschengeist oder um ein Engelwesen?

Liebe Grüße,
Norbert
Gott segne Euch alle!

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Re: Manichäer

Beitrag von Bargusin » Mo 2. Jan 2012, 17:35

norbert51de hat geschrieben:in dem Beitrag wurde Mani als unser Herr bezeichnet.
Aber aber, mein Herr, :lachtot:, jetzt beiß' Dich doch nicht so fest an dem Begriff "Herr". Natürlich verwende ich den auch nicht auf Mani - doch kann ich verstehen, wenn die Manichäer diesen Begriff auf die Wesenheit ihres Religionsbringers anwendeten, WENN sie ihn denn anwendeten, denn dieser Psalm ist ja übersetzt und könnte wohl auch anders aus dem Persischen ins Deutsche übersetzt werden.
norbert51de hat geschrieben:Handelt es sich denn nach Steiners Lehre dabei um einen Menschengeist oder um ein Engelwesen?
Ein Mensch, aber Steiner bezeichnet ihn immerhin als die Inkarnation eines hohen Eingeweihten.
Herzliche Grüße
Ralf (Bargusin)


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Re: Manichäer

Beitrag von norbert51de » Mo 2. Jan 2012, 18:51

Bargusin hat geschrieben: Aber aber, mein Herr, :lachtot:, jetzt beiß' Dich doch nicht so fest an dem Begriff "Herr". Natürlich verwende ich den auch nicht auf Mani - doch kann ich verstehen, wenn die Manichäer diesen Begriff auf die Wesenheit ihres Religionsbringers anwendeten, WENN sie ihn denn anwendeten, denn dieser Psalm ist ja übersetzt und könnte wohl auch anders aus dem Persischen ins Deutsche übersetzt werden.
Lieber Ralf,

ich beisse mich nicht fest, sondern ich rede Klartext, *schmunzel*.
Bargusin hat geschrieben:
norbert51de hat geschrieben:Handelt es sich denn nach Steiners Lehre dabei um einen Menschengeist oder um ein Engelwesen?
Ein Mensch, aber Steiner bezeichnet ihn immerhin als die Inkarnation eines hohen Eingeweihten.
Hohe Eingeweihte gibt es viele, zum Beispiel die Apostel, die sehr hoch stehen. Ich bezweifle, dass Manes so hoch steht. Aber jedem das Seine, *lach*.

Liebe Grüße,
Norbert
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Re: Manichäer

Beitrag von Flora » Mo 2. Jan 2012, 21:37

Hallo Norbert,

das mit dem "Herrn" Mani :) und der Übersetzung dieses alten Psalmes hat ja Ralf schon versucht zu erläutern. Ergänzend und vielleicht zum besseren Verständnis noch ein paar Worte über die Manichäer :

Im dritten Jahrhundert erschien in Persien ein neuer, starker gnostischer Impuls durch Mani, nach dem seine Anhänger „Manichäer“ genannt wurden. Mani unterschied noch konsequenter als seine Vorgänger zwischen der gefallenen irdischen Welt und der Welt des Lichtes. Auch bei ihm wurde die Schöpfung, wie wir sie kennen, nicht vom ursprünglichen Licht-Gott, sondern von den Mächten der Finsternis hervorgebracht. Im Mittelpunkt seiner Lehre stand jedoch die Gewissheit, dass sich im Menschen, der in der Finsternis leben muss, ein göttlicher Funke verbirgt. Er ist Verbindung und Brücke zum ursprünglichen Leben.

Während die meisten gnostischen Kulte zu jener Zeit nur zugelassenen Initierten offenstanden, war der Manichäismus eine Religion für alle. Er breitete sich daher außerordentlich schnell aus. Der manichäische Einfluß war im Christenum, Buddhismus und Islam über tausend Jahre lang wirksam.
Herzliche Grüße Flora

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Das Schicksal der Seele

Beitrag von Flora » Fr 6. Jan 2012, 15:52

Das Schicksal der Seele bei den Manichäern

Auch in der manichäischen Mythologie ist die Seele ein Teil des Urmenschen und damit ein Teil der Lichtwelt. Sie ist in dem Körper, der zu der Finsternis-Welt gehört, gefangen. Von der verhängnisvollen Lage der Seele in der Welt singt der folgende manichäische Psalm und enthält zugleich eine Aufforderung an die Seele, sich an ihre wahre Heimat zu erinnern.

Manichäischer Psalm an die Seele

Oh Seele, woher stammst du?
Du stammst aus der Höhe.
Du bist der Welt eine Fremde,
eine Besucherin auf der Erde der Menschen.
Du hast deine Häuser in der Höhe,
deine Zelte der Freude.
Du hast deinen wahren Vater,
deine wahre Mutter.
Du hast deine wahren Brüder.
Du bist ein Kämpfer.
Du bist das Schaf,
das sich in der Wüste verirrte.
Dein Vater sucht nach dir,
dein Hirt geht auf die Suche um deinetwillen.
Du bist der Weinstock,
der mit den fünf Reben,
die du wirst zur Speise der Götter,
zur Nahrung der Engel,
zur Kleidung der Gerechten,
zum Gewand der Heiligen,
die du wirst zum Verstand der Vollkommenen,
zum Denken der Gläubigen.
Oh Seele, erhebe dein Haupt
in diesem Haus, das voll ist von (Trauer).
[...] Dämonen,
[...] der Räuber.
Oh Seele, vergiss dich nicht!
Denn sie stellen dir alle nach.
Es stellen dir alle nach,
die Jäger des Todes.
Sie fangen die Vögel
[...].
Sie [brechen] ihre [Flügel],
damit sie nicht in ihre Nester fliegen können.
Oh Seele, erhebe dich
und geh in deine Heimat!
Du bist deiner Verwandtschaft fremd.
[Geh in das Haus] voll von Freude.
Du [...] Licht
von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Preis und Ehre sei Jesus, dem König der Heiligen!
Sieg sei der Seele der seligen Maria.

(Aus dem Buch "Unterdrückte Gebete: gnostische Spiritualität im frühen Christentum" von Gerd Lüdemann und Martina Janssen )
Herzliche Grüße Flora

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