Ein Märchen gegen die Verzweifelung

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Bargusin
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Ein Märchen gegen die Verzweifelung

Beitrag von Bargusin » Fr 9. Dez 2011, 08:40

Es war Einer, der sich das Leben nehmen wollte. Wie er so dastand und darüber nachdachte, wie er das am besten tun könnte, hörte er eine Stimme, die zu ihm sagte:
"Halt ein, ist doch schade, dein Leben nur so wegzuwerfen, schenke es doch lieber jemandem, der es zu etwas brauchen könnte."
Da fragte jener erstaunt was er dazu tun könnte, um das Leben, das er satt hätte, jemandem zu schenken.

Da belehrte ihn die Stimme weiter: "Auf einem Berge, zu dem ich dir den Weg zeigen werde, da findest du auf dem Gipfel viele grosse Steinblöcke. Siehst du besser zu, dann erkennst du versteinerte Menschen. Oben am Berge sitzt die schwarze Hexe, welche sie mit ihrem Blicke verzaubert und zu Stein verwandelt hat. Denn ihr Blick versteinert jeden, der sich ihr zu nähern versucht.
Deine Aufgabe wäre es eben, diesen Unglücklichen dein Leben zu schenken. Versuche es. Versuche, die schwarze Hexe, denn sie ist ganz schwarz, an einem leuchtenden Haarschopf zu packen. Sie ist ganz schwarz, nur ein Haarschopf an ihr leuchtet noch. Du musst diesen packen, bevor sie dich mit ihrem Blicke trifft. Wenn dich ihr Blick trifft, ehe du das getan, so wirst du zu Stein. Gelingt dir das aber, dann wird sie aufschreien, denn in diesem einzigen leuchtenden Haarschopf ist ihre Lebenskraft verborgen.
Fasse fest zu. Sie wird aufschreien, wird dich beschwören, sie loszulassen, wird dir alles was du nur willst, versprechen. Du aber verlange nur eines: dass sie ihre Opfer entzaubert. Gehe und versuche es, du hast ja nichts zu verlieren, nur dein Leben, welches du jetzt als wertlos wegwerfen willst".

Der Junge machte sich auf den Weg, fand alles, wie es die Stimme ihm gesagt hatte. Er nahte sich behutsam jener Hexe, packte sie beim leuchtenden Haarschopf, sie schrie auf, versprach ihm alle Schätze der Welt, wenn er sie loslassen wollte, er aber wollte nichts anderes als die Entzauberung jener ihrer Opfer. Sie tat es dann auch, er liess sie los und sie verschwand. Der Junge aber kehrte an der Spitze eines langen Zuges entzauberter Menschen in das Tal.

Hier unterbricht die Sage, aber wir lesen, was ungeschrieben in ihr enthalten ist. Jener Junge, der sich das Leben nehmen wollte, vergass jetzt sein Vorhaben, er hatte jetzt ja etwas für die Menschen getan und diese Tat gab ihm den Sinn seines Lebens wieder. Man verzweifelt nur dann, wenn man keine Aufgabe mehr vor sich hat. Aufgaben hat man, wenn man Anderen etwas tun kann. Um dies zu sehen, muss man die Menschen lieben können.

Aus dem Buch: Klara Zupic, "Der Krebs als Lichtstoffwechselstörung"; Verein für Krebsforschung, Arlesheim (Schweiz), 1979
Herzliche Grüße
Ralf (Bargusin)


"Halt dich fern von der Weisheit, die nicht weint, von der Philosophie, die nicht lacht und von der Größe, die sich nicht vor Kindern verneigt." (Khalil Gibran)

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