Neuschwabenland

Regina
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Re: Neuschwabenland

Beitrag von Regina » Do 31. Mär 2011, 12:03

Der verspätete Aufbruch der Flotte, das Fehlen des zweiten Eisbrechers, überraschend viel Packeis und der frühe Wintereinbruch sorgten dafür, dass die Übungen nach etwas mehr als einem Monat beendet werden mussten - den meisten Autoren zufolge ein verdächtig kurzer Zeitraum, der sich nur durch unerwarteten Widerstand erklären lässt. Diese Einschätzung mutet insofern kurios an, als dass die gleichen Autoren den noch kürzeren Zeitraum der Schwabenland-Expedition von 1938/39 für durchaus ausreichend halten, um eine dauerhaft bemannte Basis zu errichten.

Während sich also die US-Expedition tatsächlich kürzer in dem Gebiet aufhielt, als dies ursprünglich angedacht war, ist das zweite oft zitierte Element - die angeblichen „großen Verluste an Mensch und Material" eine reine Erfindung. Tatsächlich ging im Rahmen von „Highjump" nur ein einziges Flugzeug vom Typ Mariner während eines Schneesturms an den Koordinaten 71° 22' Süd und 99° 20' West verloren, was - wie man mit Google Earth leicht überprüfen kann - nicht mal in der Nähe des Königin-Maud-Landes liegt. Während sechs Mitglieder der Crew überlebten und gerettet werden konnten, mussten drei tote Soldaten
im Eis zurückgelassen werden, wie der eingebundene ABC-Bericht erläutert.

Regina
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Re: Neuschwabenland

Beitrag von Regina » Do 31. Mär 2011, 12:04

Die Gerüchte, die „Highjump" umgaben, beflügelten unglücklicherweise auch die Phantasien einiger deutscher Zeitgenossen aus der bräunlichen politischen Ecke, die darin eine Chance zur Wichtigtuerei sahen, die natürlich nicht ausgeschlagen werden konnte.

Hinzu kommt noch ein völlig aus dem Kontext gerissenes Zitat von Konteradmiral Byrd, welches in leicht abgeänderter Form auf tausenden Webseiten zu finden ist. In einem Interview mit der chilenischen Zeitschrift El Mercurio gab Byrd angeblich die folgende Warnung heraus:

Legt man Occam's Razor zugrunde, dürfte selbst bei diesem verfälschten Zitat klar sein, dass Byrd hier vermutlich eher auf die sowjetischen Streitkräfte abzielt, die über Alaska in die USA einfallen, als auf fliegende Untertassen aus dem Dritten Reich - ganz abgesehen von der naheliegenden Frage, warum Byrd ein Staatsgeheimnis ausgerechnet in der chilenischen Presse offenbaren sollte. Sieht man sich den Originalartikel an, wird die Sache noch klarer:

Admiral Richard E. Byrd warned today, that the United States should adopt measures of protection against the possibility of an invasion of the country by hostile planes coming from the polar regions. The Admiral explained that he was not trying to scare anyone, but the cruel reality is, that in case of a new war, the United states could be attacked by planes flying over both poles. [...] The fantastic speed in which the world is shrinking - recalled the Admiral - is one of the most important lessons learned during his recent Antarctic expedition.
Wie man von „could be attacked by planes flying over both poles" und „the fantastic speed in which the world is shrinking" zu „we will be attacked by flyig objects, which can fly from pole to pole at incredible speeds" kommt, lässt sich im besten Fall noch mit schlechten Spanischkenntnissen begründen - im schlechtesten mit bewusster Verfälschung.

Regina
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Re: Neuschwabenland

Beitrag von Regina » Do 31. Mär 2011, 12:05

Operation Argus

Während die von Zündel et al. propagierte Neuschwabenland-Geschichte mit dem „Sieg" über Admiral Byrd endet, existiert noch eine zweite Variante, in der die Amerikaner das vermeintliche „Neuberchtesgarden" in der Antarktis 1958 unter dem Deckmantel eines Atomtests zerstören. In der Tat fanden 1958 im Rahmen der Operation „Argus" drei atmosphärische Detonationen statt, durch die ermittelt werden sollte, ob es nach einer atomaren Explosion zu Wechselwirkungen zwischen radioaktiven Isotopen und dem Magnetfeld der Erde kommt bzw. wie diese Wechselwirkungen sich auf diverse militärische Ortungs- und Kommunikationssysteme auswirken könnten. Diese Tests fanden zwar in der südlichen Hemisphäre statt - allerdings immer noch zwischen 2.300 und 3.500km nördlich des Königin-Maud-Landes sowie in einer Höhe von bis zu 750km, was für einen direkten Angriff auf eine dort gelegene Basis ein wenig weit entfernt (und hoch) gewesen wäre.

Regina
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Re: Neuschwabenland

Beitrag von Regina » Do 31. Mär 2011, 12:06

Declassified U.S. Nuclear Test Film #27
http://www.youtube.com/watch?v=YZu7et1d ... bedded#at=

Regina
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Re: Neuschwabenland

Beitrag von Regina » Do 31. Mär 2011, 12:07

Wer in diesem Punkt den Angaben des US-Militärs nicht vertraut, kann sich an den von Wolff et al. 1999 veröffentlichten „Antarctic snow record" halten, der in Atmospheric Environment erschienen ist und für die 50er und 60er Jahre keinen radioaktiven Peak ausweist, der bei einer in der Nähe durchgeführten Nuklearexplosion aufgrund des Fallouts zu erwarten gewesen wäre (die von Wolff und seinen Kollegen analysierten Schneeproben stammen aus Coatsland, welches direkt südlich an das Königin-Maud-Land angrenzt).

Eric W. Wolff, Edward D. Suttie, David A. Peel, Antarctic snow record of cadmium, copper, and zinc content during the twentieth century, Atmospheric Environment, Volume 33, Issue 10, 1 May 1999, Pages 1535-1541, ISSN 1352-2310, DOI: 10.1016/S1352-2310(98)00276-3

Darüber hinaus befand sich ausgerechnet im Jahr 1958 eine gemeinsame Expedition norwegischer, belgischer, britischer und japanischer Wissenschaftler im Königin-Maud-Land, denen ein (dreifacher) US-amerikanischer Nuklearschlag sicher nicht entgangen wäre. Zuvor müsste übrigens auch schon dem Team von Wissenschaftlern aus Norwegen, Schweden und Großbritannien der Nazi-Stützpunkt entgangen sein, die sich zwischen 1949 und 1952 im Königin-Maud-Land aufhielten.

Regina
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Re: Neuschwabenland

Beitrag von Regina » Do 31. Mär 2011, 12:08

Fazit und Epilog

Natürlich kann selbst die äußerst gründliche Sektion der Neuschwabenland-Geschichte durch Summerhayes und Beecher einen überzeugten Verschwörungsanhänger nicht überzeugen, der sämtliche von den Autoren ausgewerteten Logbücher, freigegebenen Militärdokumente und Karten in Bausch und Bogen als Fälschungen verwerfen wird. Hierzu ein Zitat der Autoren, welches ebensogut von Sagan stammen könnte (der von den beiden auch zitiert wird):

The burden of proof should fall on the shoulders of those making the claims. It is not sufficient to propose an idea and then claim that the hypothesis is untestable because the evidence for it has been covered up.

Regina
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Re: Neuschwabenland

Beitrag von Regina » Do 31. Mär 2011, 12:08

Bleibt noch eine Frage offen: Warum haben sich Summerhayes und Beecher überhaupt der Mühe unterzogen, eine derartig unplausible Verschwörungstheorie in einem 21seitigen Paper abzuwickeln? In einem recht unterhaltsamen Interview mit Nature lässt Colin Summerhayes durchblicken, er sei zum einen als Polarforscher so häufig auf die Geschichte angesprochen wurden, dass er es für an der Zeit hielt, einmal ein paar deutliche Worte zu Papier zu bringen. Zum anderen habe er festgestellt, dass es viel einfacher sei, Leute für die Polarforschung zu begeistern, wenn man mit Neuschwabenland einsteigt...

Ein einziger bis heute nachwirkender positiver Effekt der Schwabenland-Expedition lässt sich übrigens feststellen: Von dem Gezerre zwischen Deutschland und Norwegen um antarktische Hoheitsansprüche aufgeschreckt, gründeten die USA 1939 das US Antartic Service Program (USAP), um eigene Expeditionen in das Gebiet zu organisieren und eventuell ebenfalls Hoheitsansprüche anmelden zu können. Das USAP existiert heute noch immer und betreibt mit der McMurdo Station, der Amundsen-Scott South Pole Station und der Palmer Station drei rund ums Jahr bemannte polare Forschungseinrichtungen.

Regina
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Re: Neuschwabenland

Beitrag von Regina » Do 31. Mär 2011, 12:09

Ein gutes Ende nahm es übrigens auch mit Kapitän Alfred Ritscher, dem Kommandanten der deutschen Expedition, der trotz seiner politisch exponierten Stellung als Regierungsrat im Oberkommando der Kriegsmarine und der Tatsache, dass er seine Ehefrau ihrer jüdischen Familie wegen schon 1934 abservierte, nach dem Krieg zum Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Polarforschung gewählt wurde und 1959 das Große Bundesverdienstkreuz
in Empfang nehmen durfte.

Regina
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Re: Neuschwabenland

Beitrag von Regina » Do 31. Mär 2011, 12:12

Lockroy ggg.jpg
Lockroy ggg.jpg (129.96 KiB) 4870 mal betrachtet
Port Lockroy, Basis der Operation "Tabarin" (Foto von Jerzy Strzelecki)


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Danke für's Mitlesen.
Bis zum nächsten Mal.
Eure Regina

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Re: Neuschwabenland

Beitrag von DocNobbi » Mi 6. Apr 2011, 18:39

Regina war hier schon sehr fleißig !!

:kilroy_sofa2: :kilroy:

noch einen Beitrag und einen Film als Ergänzumg.. ist so ein zwang, immer das letzte Wort haben zu wollen

odpod.com/watch/5924444-was-ist-dran-am-neuschwabenland-mythos?c=honigmann&u=honigmann
Prüfe, was du hörst oder liest, mit Herz und Verstand -
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