Der Seherin Gesicht

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wulfila
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Der Seherin Gesicht

Beitrag von wulfila » Mo 3. Jan 2011, 11:07

Ich stelle mal eine Übersetzung der Völuspa (Seherin Gesicht) einer etwas älteren Übersetzung ein (mit Erklärungen von mir) In der Völuspa ist das kosmologische Weltbild der Edda sehr gut zusammengefasst und in einem übersichtlichen Bild dargestellt.

Die Kunde der Wala / Völuspa

(in der Übersetzung und Anordnung des Hans von Wolzogen
und eigenen Erklärungen)

Einleitung

Schweigt, von Heimdolls heiligem Geschlecht
ihr hohen und niederen Nachkommen alle,
wollt ihr von Walvaters Wirken erfahren
mich weither mahnende Mythen der Welt.

Die Riesen erachte ich zur Urzeit geboren
von ihnen bin einstens auch ich entpsrosst:
neun Welten weiß ich und Waldgöttinen
im Weltbaum, der tief seine Wurzeln treibt.

Heimdall – der Leuchtende oder Glänzende, der die Welt beleuchtet ist der Wächter von Mitgard und der Vater der Menschen. Die Seherin spricht hier als eine aus der Riesen Geschlecht, den Urkräften des Komos.

1 – Schöpfung der Erde und der Gestirne

Im Alter der Urzeit, als Urgebraus lebte,
nicht brandet an sandige Buchten die See:
da war unten kein Grund und oben kein Himmel,
nur gähnender Abrund, ohne Bewuchs;
bis die Gebornen des Bur die Mittburg
schufen und himmelan Scheiben erhoben:
Da sonnte den Saalbau südliches Licht
und der Grund ward von grünendem Gras überwachsen.

Die südliche Sonne, gesellt dem Monde,
hemmte behende die himmlischen Rosse:
was wusste die Sonne noch, wo ihr Saal,
was wusste der Mond noch, seine Macht,
was wussten die Sterne noch, was ihre Stätte?

Drum gingen zum Richtstuhl die ratenden Götter;
die Urheiligen vereinbarten dies:
sie wählten der Nacht und den wechselnden Monden,
den Morgen und Abend, den Mittag und Nachmittag
Namen: die Zeiten danach zu bezeichnen.

„Urgebrau“ - Ymir, der Urriese, welcher entstand, nachdem das Wasser aus Nifheim und das Feuer aus Muspelheim zusammentrafen. Das Wasser aus dem Brunnen Hwergelmir (Niflheim) ergoss sich in den gähnenden Abgrund (Ginnungagap) und wurde dort zu Eis, Aus der angrenzenden Welt Muspelheim (Feuerwelt) flogen Funken herüber und tauten dieses Eis wieder auf. Aus diesem Eis entstanden zwei Wesen. Ymir, der Urriese und Audhumla, die Urkuh. Diese nährte den Urriesen durch ihre Milch und sich, durch das Auflecken der salzigen Eisbrocken. Dadurch leckte sie Bur(i) (Erzeuger, Vater) frei, den Urahn der Asen.
Mittburg (die Menschenwelt Mitgard) entstand dadurch, dass die Enkel Buris (Wod(an), Wil und Weh), den Ymir opferten und aus ihm den gesamten sichtbaren Kosmos schufen.
Bei den Gestirnen ist die Zuordnung interessant:
Sonne und Sterne suchten ihre Orte und der Mond seine Macht. Der Mond wird also auch wesenhaft als männlich-aktiv gesehen

2 – Das Goldene Zeitalter

So ging es den Göttern im Glanzgefilde:
sie spielten im Hofe nur heiter ihr Spiel,
noch gar nicht begierig der goldenen Güter;
bis drei aus dem riesigen Dursengeschlechte,
die weitaus gewaltigsten Weiber, erschienen.

Eine kurze Darstellung eines „goldenen Zeitalters“ - ohne Gold. In vielen Mythen wird diese Zeit als eine glückliche dargestellt, in der kein Krieg, kein Hass, keine Gier die Beziehungen trübten und die Menschen (und die Götter) glücklich waren.
Das Dursengeschlecht (Riesen) sind, bei genaueren Hinsehen, das ursprüngliche und eigentliche Geschlecht, aus dem – oder mit dem – alles andere existiert.

3 – die Ankunft der Nornen

Ich schau eine Esche, die Schreckroß heißt.
Ein weißlicher Nebel nässet den Wipfel
und träuft zu Thale als Thau vom Gezweig
des unwelkbaren Baumes am Brunnen der Wurt.
Unter der hohen, der heiligen Esche
weiß ich verhohlen des Heimdolls Horn,
schau ich entfließen die schäumenden Fluten
als Walvaters Pfande – Wißt ihr davon?

Von dort sind die weißen Weiber gekommen,
die wogengebornen Wächter des Baumes:
Wurt hieß die Eine, Werdand die Andre,
Schuld war die Dritte; die schnitten nun Runen,
die legten nun Lose, die lenkten nun Leben,
die wußten das Schicksal den Wesen voraus.

Die Esche ist die Yggdrasil, der Weltenbaum. Walvaters Pfand sein Auge, dass er dem Riesen Mimir (die Erinnerung, der Weise) gab, um damit Allweisheit zu erlangen.
Die drei Nornen erfassen auch die Zeit → Wurt (Urda) = Vergangenheit, das was ursprünglich war / Werdand = das Werden, die Gegenwar / Schuld = das was übrig bleibt, um die Zukunft entstehen zu lassen.
Die drei Nornen sind Urmächte, die auch den Göttern ihr Schicksal weben.

4 – Burgbau, Schmiedewerk, Zwergenschöpfung

Es gingen die Götter zum Glanzgefilde
um Hallen und Höfe sich hoch zu erbauen.
Da brauchten sie Künste um Kein's zu entbehren,
Essen zu schaffen und Erz zu schmieden,
mit Zangen zu wirken am zierlichen Werk.

Drum eilten zum Richtstuhl die rathenden Asen;
die Urheil'gen alle vereinbarten dies:
Wer der Zwerge Geschlecht erschaffen sollte
aus brandendem Blut und gebräuntem Gebein.

Da galt ihnen Muthsauger gut als Meister
und Dusler als Zweiter derlei Gezwerg.

Alb und Uralb, Ober- und Jungalb,
Wolfalb und Windalb und Wächteralben:
Morgen und Mittag, Mittnacht und Abend,
Neulicht und Niederlicht, Nebler und Nächtler,
Räuschler und Strecker und Recker und Schlecker,
die Namen der Geister – nicht zu vergessen:
Tödter und Todtensohn – trag ich euch vor.

Da entstanden auch Manche, gleich sterblichen Menschen,
nach Angabe Duslers aus Erde geformt:

Schlaudieb, Schnappebald, Schnellimzank, Schlags,
Pfeilgewandt, Streitbereit, Pfiffig und Stracks,
Hefig und Hurtig, Behendewitz, Fuchs,
Frischgesicht, Flinkrath, Fündig und Flugs.

Dann sind die Zwerge vom Zweige des Nebler
bis Laubasohn Loge den Leute zu nennen.
Vom feuchten Grunde zur grünen Flächen
durchstöbern sie alle das Erdsaalgestein.

Hügeldieb und Hügelspürer,
Lohnwerber, Lobewirk,
Bildner, Bauer, Brenner, Bräuner,
Kühler, Klärer, Klopfer, Tropfer,
Funkensprüher, Spangenpfeiler,
Eichenschildner, Eisenschmied.

Dieser Abschnitt fehlt in mancher Ausgabe, weil er als nicht passend empfunden wird. Das Thema ist die Kunst, Kultur, das Kreative, das Individuelle, welches durch die Ankunft der Nornen entstand. Schicksal bedeutet auch Individualisierung und somit auch Ausgestaltung des ursprünglich Einfachen zum Vielfältigen. Die Zwerge werden von Göttern benötigt, um ihre Hallen individuell zu gestalten. Aber auch um die Welt vielfältig zu gestalten und in ihrem Ablauf zu erhalten. Es sind die unsichtbaren Kräfte hinter den Abläufen. Aber irgendwie auch im Menschen, oder deren Vorentwurf. In der spiritistischen Literatur der Gegenwart, erscheinen die Gnome als eine Art Gegenwelt zum Menschen, die die Menschenwelt „am Laufen hält“ und den Menschen nachäfft, oder ihn beneidet und so sein will wie er.




5 – die Erschaffung der Menschen

Einst gingen auch Drei vom Göttergeschlechte,
hohe, huldvolle Hallenbeherrscher,
und fanden am Strande, der Stärke noch ledig,
Ask und Embla, ohne Bestimmung.
Nicht Seele noch Sinn besaßen die Beiden,
nicht Leben noch Blut noch Lebensfarbe:
die Seele gab Wodan, den Sinn gab Häner,
das Leben, die Farbe gab Lodur dazu.

Erst nachdem die Welt erschaffen, die Nornen das Schicksal spannen, und schon ein Vorentwurf zum Menschen hin stattfand (in der theosophisch / anthroposophischen Literatur der „alte Mond“ als geistige Vorwelt), konnte auch der Mensch enstehten. Aus der Pflanzenwelt, also der Welt der Wanengötter (Fruchtbarkeitsgötter) schufen drei Asengötter den Menschen. Ond – den Atem (den Lebenshauch, oder ruach, des Alten Testamentes) gab Wodan, Odr – die innere Erregung, die innere Verarbeitung, das Denken – gab Häner (Hönir – ein Asengott, der später zu den Wanen als Geisel gegeben wurde und von diesen erschlagen) und godr (oder litr) – die äußere (menschliche) Gestalt dann Lodur (der kaum bekannt ist, aber kaum Loki bedeutet)

6 - Folge des Goldgewinnes

Wohl kannt ich das Kriegsleid, das kam in die Welten,
seit Goldes – Masse die Götter zuerst
in Streitvaters Halle stießen und schmolzen
und dreimal brannten die dreimal Geborne,
die nach Dreimalen, Mehrmalen, dennoch lebt.
Wohin sie zu Haus kommt, heißt man sie „Gut“.
Der Zauberin werden zahm die Wölfe;
mit Wunderkräften und Wunderkünsten
ist sie bei Argen immer geehrt.

Das Gold, die Gier kommt sinnigerweise nach Erschaffen des Menschen. Das Gold selber wird nicht gemeint sein, sonder die Gier. Es ist einer der drei Wurzeln des Leides im Buddhismus (Gier, Hass, Unwissenheit) – hier bildlich dargestellt. Allerdings ist das die Sicht der ordnend und gegen die Mächte der Natur und Sinne kämpfenden Götter (und Lehren)

A – Wanenkampf

Da brach auch der Grenzwall der Götterburgen,
da lernten auch Wanen die Walstatt zerstampfen:
da warf übers Heer Wodan den Speer,
da war das Kriegsleid zur Welt gekommen.

B – Riesenkämpfe

Und es gingen zum Richtstuhl die rathenden Götter;
die Urheil'gen alle vereinbarten dies:
wer ihnen den Himmel mit Unheil erfüllte
und Freyja den Riesen verfallen lies?

Donner, der Erste in drohendem Eifer,
bleibt selten am Sitz, wenn er Solches erfährt:
da schwanden denn Eide und Schwuresworte
gestört war der Welten starker Vertrag.

Die Wanen sind die Götter der Fruchtbarkeit, Schönheit und auch der Lust. Und der Umgang mit dieser in Form der Gullweig (Goldes-Masse) durch die Asen wurde von den Wanen – von den Gullweig stammen könnte – als Angriff gegen ihre Lebensart gesehen.
Ebenso der Umgang der Asen mit den Urkäften, die sie benötigen, aber nicht entlohnen wollten ist die Ursache von Feindschaften. Hier konkret der eigentliche Beginn des Ragnarök (Weltendes) durch Vertragsbruch, also Schuld (die dritte Norne) der Asen.
Im Buddhismus die Ablehnung oder der Hass als zweite Wurzel des Leidens.


7 – Wodan bei der Wala

Allein saß ich ferne, da fuhr zu mir, lugte mir
angstvoll ein Alter, ein Ase, ins Aug.
Was wollt ihr mich fragen, was wollt ihr erforschen?
Ich weiß, wie sein Auge Wodan verlor.

Mit goldnem Schmucke beschenkt er die Wala,
der Heergott, für Spendung enthüllender Sprüche;
denn wissend gewahrte sie weil alle Welt.

Wer kennt nicht die Quelle des kundige Mime?
Und Mime trinkt nun allmorgendlich Meth
als Walvaters Pfand – Wißt ihr davon?

Allvater macht sich Sorgen, aber kann nicht in die Zukunft schauen. Im Buddhismus die Unwissenheit als dritte Wurzel des Leidens.

8 - Balders Tod

Den Balder erblickt ich; des blühenden Gottes,
des Wodansohnes wartete Leid:
gewachsen schon war er ihm, weit vom Boden,
der schön sich schlängelnde Schoß der Mistel.

Da flog von der Pflanze beim Pfeilschuss des Hader
ihm häßlicher Harm zu: wohl hatt ich's gesehen;
und Frigg beweinte in Fensals Kammern
das Weh von Walhall – Wißt ihr davon?

Der Seherin Gesicht orientiert sich in seinem Weltdrama durchaus am Jahreslauf. Dieser beginnt mit dem ersten längerwerdenden Tag nach der längsten Nacht (Yul – 21. Dezember) und endet mit Yul. Baldur ist der Gott des Tages, des Lichtes und somit auch der Lebensfreude. Aber jedes Jahr stirbt er wieder um zur Hel zur fahren.
Im kosmischen Weltendrama ist es der Hader, der Harm (die seelischen Abkapselung), welcher durch eine Parasitenpflanze das Lichte und Schöne tötet.

9 - Loge's Buße

Und aber zum Richtstuhl eilten die Rather;
die Urhheil'gen alle vereinbarten dies:
Wie Untreue sollten die Asen strafen
und alle Götter Vergeltung haben?

Drauf fand ich sie knüpfend die feindlichen Ketten,
die dauerndsten Bande aus Därmen gedreht:
und geknebelt wand sich im Quellenwalde
die Leidensgestalt, die Loge war.
Dem Gatten zur Seite saß Sigunge
nicht froh der Wache – Wißt ihr davon?

Inwieweit hier die christliche Vorstellung eines bösen Teufels eingewirkt hat, sei dahingestellt. Loki (Loge) ist der Vater der drei Grundübel:
der Hel – der Todesgöttin / des Fenriswolfes – des Kampfes und des Tötens / der Mitgardschlange – des großen Meeres um Mitgard, dass alle Verschlingt, die dieses befahren, der Feind der Seefahrer.
Loki ist eine Durse (Riese) der als Blutsbruder Wodans, der einzige Durse in Asgard ist. Eine durchaus zwielichtige Gestalt, der mit List und Trug wirkt – aber dadurch auch vieles Sinnvolle und Notwendige entsehen lässt.

10 - Die Zeit bis zum Untergang

Nun würgen sich Brüder und werden zu Mördern,
Geschwister sinnen auf Sippenverderb;
die Gründe erschallen; der Giergeist siegt:
keine einziger Mann will des anderen schonen.
Auch Walküren schau ich, die weither schweben,
zum Raterbereiche zu reiten bereit:
Schuld hebt den Schild, daran schließen sich: Hilde,
Speerschwinge, Heerkette, Sprungefertig, Schlacht.

Fern seh ich im Vorraus und viel kann ich sagen,
vom Sinken der Götter, der Sieg-Asen Fall:
schrecklicher Ehebruch schaltet auf Erden,
Beilzeit und Schwertzeit, brechende Schilde,
Sturmzeit und Wolfzeit vorm Sturze der Welt.

Es sitzt eine Alte im ehernem Ostwald,
die füttert dort des Fenriswolfs Brut:
von ihnen allen wird euch der Eine,
ein Riese an Maßen, der Mörder des Mondes.

Er füllt sich mit Fleische gefallener Männer
und rötet den Erdgrund mit rothem Blut
Die Sonne wird finster in folgenden Sommern
was Wetter dann wüten – wißt ihr noch mehr?

Es sitzt am Hügel und schlägt die Harfe
Schreckaar, der Alten eifriger Schützer;
auch singt bei ihm im Sängerwalde
der brandrote Hahn, der Bergar heißt.
Doch bei den Göttern singt Goldenkamm;
der weckt die Helden in Walvaters Halle;
noch aber ein Andrer singt unter der Erde,
ein schwarzroter Hahn, in Hella's Saal.

Ist eigentlich eine Beschreibung der Jetztzeit (damals und heute), mit ihrem Kampfe gegeneinander, all der Feindschaft, Ablehnung und der Angst vor dem großen Untergang

11 – der Untergang

Was murmelt noch Wodan mit Mimirs Haupte?
Schon kocht es im Quell: die Krone des Weltbaums
erglüht beim Klange des Gellerhornes,
das Heimdold zum Heerruf erhoben hält.
Der Baum erbebt; doch bleibt er noch stehen
mit rauschendem Laurath (Wipfel), bis Loge sich löst,
Wild heult der Hund vor der Hellaklamm,
bis dem frechen Renner die Fessel auch reißt.

Von Morgen heran fährt eine Riese, beschildet,
das Jotenwütig der Weltwurm sich bäumt:
er schlägt die Wellen, es schreien die Weihen (Weiher?)
neidisch um Leichen, weil Nagelfahr los.
Von Morgen durchs Meer, wann die Muspiler nahen,
lenket Loge den laufenden Kiel;
am Borde den Wolf und die wölfische Brut bringt
Wettersturms Bruder des Weges herbei.

Vom Süden der Schwarze mit sengendem Schwerte,
dem loht von der Klinge der Kampfgötter Licht:
da fallen die Felsen um flüchtende Riesinnen,
Hel hält Gastung, der Himmel klafft.
Was ist mit den Asen? Was ist mit den Alben?
Riesenheim heult; im Himmel ist Not,
die Zwerge stöhnen vor steinernen Toren,
die Weisen der Klüfte – Wißt ihr davon?

Leid noch zum Leide erlebte da Frigg,
als Wodan fuhr in den Fenrekampf.
Als Bellers Mörder (Freyr) sich bot dem Schwarzen,
da fiel auch der Göttin der freundliche Gott.
Doch eilte des Kampfvaters kühner Erbe
das Wal-tier zu bändigen, Widar, herbei:
und hoch aus dem Rachen dem Hadersprossen
ragte im Herzen des Rächers Schwert.

Den Segner von Mitgard (Thor), den mächtigen Sohn
der Göttin des Grundes, begeifert der Weltwurm;
und Firguns Gebor'ner, dem fern alles Bangen,
weicht vor der Schlange neun Schritte hinweg.

Alle Wesen müssen die Walstatt räumen:
die Sonne wird schwarz, die See sinkt in die Erde,
zum lichtlosen Hochsitz lecket die Hitze,
die lodernd den Nährer des Lebens verzehrt.

Der Schwarze ist Surt, der Gott Muspelheims, eine der beiden Ursprungswelten. Er ist der einzige der nicht stirbt. Alle anderen, die Geschöpfe dieses Weltzeitalters sterben und nur ihre Kinder leben weiter und dadurch die Götter in ihrer nächsten Inkarnation.
Es ist Yul – die längste Nacht im Jahr und im kosmischen Jahreslauf. In Indien tanzt Shive die Welt in die Vernichtung.

12 – die neue Welt.

Dann hebt sich die Erde zum anderen Male
in ewigem Grün aus dem Grunde der See;
es schwindet die Flut unterm schwebenden Adler,
der ruhig am Felsen nach Fischen jagt.

Der dunkle Drache ist dann entflogen,
die Natter ist nieder vom Neidgebirg;
mit dem feldüberfliegenden Fittichen deckte
der Neidwurm die Leichen: nun liegt er geneigt.

Dann finden im Glanzgefild sich die Götter
den riesigen Weltumwinder zu richten,
uralter Runen des obersten Redners
und mancher mächtiger Mahnung gedenk.
Auch werden sie wieder die wundersamen
goldenen Täflein im Grase treffen
mit denen zur Urzeit sich unterhalten
Wodan und all sein Asengeschlecht.
Unbesät werden die Äcker bewachsen,
all Böses wird besser; auch Balder kehrt heim,
um mit ihm wohnt Hader im Hause der Mächtigen.
Wohl ist den Walgöttern – Wißt ihr davon?

Dann sich auch Häner die Heimkehr erkiesen;
dann sitzen der beiden Brüder Söhne
im weiten Windheim – Wißt ihr davon?

Das Neue wird sein das Alte in frischer und unschuldiger Art.

13 – die ewigen Orte

Einen Saal seh ich ferne der Sonne stehn,
das Tor gegen Norden, am Totenstrand;
dem trieft durch die Fenster in Tropfen der Eiter;
denn Schlangerücken umschlingen den Raum.
Dort treibt er im Osten durch Eitertale,
mit Schlamm und Schwertern, der Schlingerstrom:
da seh ich sie waden durch sumpfdicke Wogen,
die Männer, die Meineid und Mord verübt
und zur Untreu verleidet des Andern Geliebte;
da saugt und frisst an entseelten Leichen
der wölfische Neidhagen – Wißt ihr davon?

Auch blinkt noch im Norden aus Bergestiefen
das Goldbach des Saales für Sinters Geschlecht;
und aber ein andrer in unkaltem Lande
ist Brander, dem Dursen, als Biersaal erbaut.

Doch strahlender seh ich ihn stehn als die Sonne
da droben auf Gimel, mit Golde gedeckt,
den Saal, wo die Wackern als Selige wohnen
und Wonne ernten in Ewigkeit.
Denn es kommt ein Reicher zum Kreise der Rather,
ein Starker von Oben beendet den Streit
Mit schlichtenden Schlüssen entscheidet er Alles;
bleiben soll ewig – was er gebot

Auch hier mag christlicher Einfluss mitgewirkt haben. Aber dass das eigene Tun Wirkungen zeigt, und der Mensch für seine Taten einstehen muss – ist altes Weisheitsgut.
Wer der „Reiche“ ist, ob Christus, oder der neue Wodan, ist nicht wichtig. Es beginnt etwas Neues – auf das sich hinzuhoffen lohnt.

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