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DocNobbi
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Beitrag von DocNobbi » Do 2. Dez 2010, 22:06

HISTORISCHE DOKUMENTATION - VON VERBRECHEN AN DER DEUTSCHEN BEVÖLKERUNG

VOLKSAUFSTAND IN DER "DDR" AM 17. JUNI 1953

Am 17. Juni 1953 brach in der "DDR" ein Arbeiteraufstand gegen das SED-Regime und die sowjetische Besatzungsmacht aus. Ausgelöst wurde der Aufstand am 16. Juni 1953, als die DDR-Regierung unter Ulbricht die Arbeitsnormen bei gleichen Löhnen kräftig erhöhte. Die Bevölkerung litt auch bereits seit langem unter der schlechten Versorgungslage in der "DDR". Am Morgen des 17. Juni 1953 weigerten sich dann die Bauarbeiter in der Berliner "Stalinallee" die Arbeit aufzunehmen und verlangten mit Gewerkschafts- und Regierungsvertretern sprechen zu wollen. Zwar kam niemand, um mit den Bauarbeitern zu sprechen, doch breitete sich die Nachricht vom Streik wie ein Lauffeuer im ganzen Land aus. Plötzlich streikten auch in Halle, Leipzig und Merseburg die Arbeiter. Von anderen Ostberliner Stadtteilen kamen protestierende Arbeiter in die "Stalinallee", um sich dort mit den Bauarbeiter zusammenzuschließen. Von dort begann man einen Demonstrationszug zum Brandenburger Tor. Die Polizei stellte sich zunächst dem Demonstrationszug nicht entgegen. Die Demonstranten forderten freie Gewerkschaften, freie Wahlen und Freiheit. Vom Brandenburger Tor wurde die Sowjetfahne heruntergerissen und in Brand gesteckt. Am Mittag des 17. Juni 1953 fuhren dann die russischen Besatzungstruppen mit Panzern rücksichtslos in die Menschenmenge hinein. Ein Panzer wurde in Brand gesteckt, dann fielen Schüsse. Mit Lastwagen wurde "DDR"-Volkspolizei herangefahren, die sofort in die Menschenmenge schoß. Nach einigen Stunden war alles vorbei. Die Zahl der Toten ist nicht bekannt. Hunderte wurden verhaftet, von Schnellgerichten und zum Teil von sowjetischen Kriegsgerichten abgeurteilt und zu Zuchthaus verurteilt. Die SED-Führung beschuldigte westliche Geheimagenten den Aufstand provoziert zu haben. In der Bundesrepublik wurde der 17. Juni auf Antrag aller im Bundestag vertretenen Parteien zum Nationalfeiertag bestimmt.

Quelle und weiterführende Literatur: Deutsche Burschenschaft (Hrsg.), Handbuch der Deutschen Burschenschaft, Stuttgart, 1998, S. 328 ff..

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Mit Steinen gegen Panzer: Auf der Leipziger Straße in Berlin rollen sowjetische T-34, einer fährt direkt auf zwei unbewaffnete Männer zu. Ohnmächtig werfen diese mit Pflastersteinen.
Hunderttausende auf Plätzen und Straßen. Schüsse. Verzweifelte Menschen, die Steine nach russischen Panzern werfen. Von der sowjetischen Besatzungsmacht ist der Ausnahmezustand ausgerufen worden, denn das Volk erhebt sich gegen die Diktatur im östlichen Teil Deutschlands.
Aus dem Streik der Arbeiter entwickelt sich der Volksaufstand des 17. Juni. Rasch erfasst er die gesamte DDR. Zentren der Volkserhebung sind die Großbetriebe Leuna, Buna, Wolfen, Hennigsdorf und die Industrieregionen Magdeburg, Halle, Leipzig, Jena, Gera, Brandenburg und Görlitz.
In Magdeburg übernimmt ein Streik-Komitee zeitweilig die Macht. In verschiedenen Orten stürmt die Bevölkerung die Zuchthäuser und befreit Häftlinge. Die Forderungen der Stunde lauten: "Freie Wahlen!", "Russen raus!" und auch "Für die Einheit Deutschlands!"
Über Moskaus ostdeutsche Statthalter Ulbricht, Pieck und Grotewohl spottet das Volk: "Spitzbart, Bauch und Brille sind nicht des Volkes Wille!" Der SED-Führung laufen jetzt die Dinge aus dem Ruder. Da schreiten die eigentlichen Machthaber ein. Mit Panzern schlagen sie den Volksaufstand blutig nieder. Die geschätzte Bilanz: mehr als 50 Tote und Hunderte Verletzte bei den Auseinandersetzungen; mindestens 20 standrechtliche Erschießungen.
Nachdem die "Ordnung" wieder hergestellt ist, greifen die Besatzungsmacht und ihre ostdeutschen Helfer weiter unerbittlich durch. 1526 Verurteilungen folgen. Zwei Deutsche werden zum Tode verurteilt und hingerichtet, Unzählige müssen für lange Jahre ins Gefängnis.
Nicht vergessen werden dürfen die 40 russischen Soldaten, die sich geweigert haben, auf deutsche Arbeiter zu schießen. Sie sterben unter den Gewehrsalven ihrer Kameraden.
Hier nun eine ausführliche Schilderung wie es zu den Ereignissen eigentlich kam:
(Quelle: http://www.volksaufstand1953.de/)
Die Lebenssituation der Bevölkerung in der SBZ/DDR war seit 1945 durch schwere
Daß in dieser Situation auf der 2. Parteikonferenz vom 9. bis 12. Juli 1952 in der "Werner-Seelenbinder-Halle" in Berlin verkündete Vorhaben, den Sozialismus "planmäßig" aufzubauen, mußte zu einer weiteren Verschlechterung der ohnehin prekären Lebenslage breiter Bevölkerungsschichten führen. (1)
Vor allem der kostenintensive Aufbau eigener Streitkräfte und die verstärkt einsetzende Kollektivierung der Landwirtschaft, die eine zunehmende Land- und "Republikflucht" der Bauern zur Folge hatte, forderten ihren Tribut. Verbunden war dies mit Repressalien gegen die Mittelschichten, einer Verstärkung des Kirchenkampfes insbesondere gegen die "Junge Gemeinde", dem Lebensmittelkartenentzug für Teile der Bevölkerung und einer allgemeinen Verteuerung des Lebensunterhalts. Die Orientierung der 2. Parteikonferenz auf eine Wiedervereinigung nach dem "Sieg der sozialistischen Produktionsverhältnisse in Westdeutschland" (Geschichte der SED, S. 276) wirkte auf viele Menschen ernüchternd. Die gestellte Bedingung mußte zwangsläufig ein Hemmnis auf dem Weg zur Wiederherstellung der staatlichen Einheit werden.
In dieser Situation konnten die von der Sowjetunion seit 1952 geforderten Normerhöhungen durch (administrative) Einführung sogenannter "technisch begründeter Arbeitsnormen (TAN)", die für die Betroffenen z.T. große Reallohneinbußen zur Folge hatten, nur als Sprengstoff wirken. Am 24. Februar 1953 beschloß das Politbüro des ZK der SED die Erhöhung der Arbeitsnormen. (2) Dem folgte eine Verordnung des Ministerrates, die Normen bis zum 30. Juni 1953 im Durchschnitt um 10,3% zu erhöhen. Der Konflikt mit der Arbeiterschaft war damit vorprogrammiert. Mögliche Risiken wurden zwar gesehen, wie ein Rundschreiben Walter Ulbrichts an die 1. Sekretäre der Bezirksleitungen der SED vom 5. Juni 1953 zeigt. Sie wurden angewiesen, "Maßnahmen zu ergreifen, damit Differenzen mit den Arbeitern unbedingt vermieden werden". Dennoch kam es in vielen Betrieben zu erregten Auseinandersetzungen in Belegschaftsversammlungen: "Wir haben alle Hunger und brauchen alle Geld!" Insbesondere im Baugewerbe schlugen sich die Normerhöhungen nieder, hier lag die Spannweite zwischen 5% (Heizungsrohrlegearbeiten) und 50% (Keramikarbeiten).
Nach dem Tode J.W. Stalins am 5. März 1953 hatte die sowjetische Staatsführung einen "Neuen Kurs" - sprich: die faktische Rücknahme der Beschlüsse der 2. Parteikonferenz empfohlen. Die Führung der SED und die Regierung der DDR folgten mit ihren Beschüssen, am 9. bzw. am 11. Juni bekanntgegeben, der Moskauer "Empfehlung". Die Rücknahme der Normerhöhung blieb aber zur Empörung vieler Arbeiter ausgeklammert. Ihre soziale Unzufriedenheit war deshalb trotz eines vorgeblich "neuen Kurses" eher größer geworden. So hieß es in einem Stimmungsbericht vom gleichen Tage aus dem Transformatorenwerk Berlin: "Wenn von der Regierung dieser Fehler gemacht wurde, so kann doch der Beschluß des Ministerrates über Normerhöhungen ebenfalls ein Fehler sein. Eine Regierung, die so schwerwiegende Fehler macht, kann nicht mehr unsere Regierung bleiben. Weil freie Wahlen bevorstehen, ist die Regierung zu dieser Maßnahme gezwungen. Die SED wird bei diesen Wahlen keine 5% kriegen." Selbst viele SED-Mitglieder zeigten sich verunsichert. Einem Stimmungsbericht der Gewerkschaft Kunst und Schrifttum zufolge hatte demnach Inge von Wangenheim erklärt, die Meinung des Politbüros sei selbstverständlich auch ihre Meinung. In einigen Tagen werde sie sich dazu äußern, denn sie müsse diese Entscheidung ja auch politisch verarbeiten.
Nachdem es bereits in früheren Monaten zu Arbeitsniederlegungen bzw. Streiks gekommen war (vgl. Kowalczuk, Mitte und Wolle, S. 47), konnte die Entladung der aufgestauten Konflikte nur noch eine Frage der Zeit sein.
Am Dienstag, dem 16. Juni 1953, berichtete das "VolksPolizei-Revier (B) 5/59" unter der Tagebuchnummer 261/53 an die die Abteilung BS (Betriebsschutz) des Präsidiums der Volkspolizei Ungeheuerliches: "Feindliche Agententätigkeit (sic!) in den Bauabschnitten der Stalinallee (teilweise Einstellung der Arbeit der Bauarbeiter)". Darunter vermeldet wurden erste Arbeitsniederlegungen am Freitag, dem 12. Juni 1953 und dem VolksPolizeiOberKommissar Krüger wurde Mitteilung gemacht: "daß dort unter den Bauarbeitern negative Diskussionen im Gange wären. Auch wären bei einem Teil der Bauarbeiter Anzeichen einer allgemeinen Unzufriedenheit zu bemerken. Diese Tatsachen wurden am selben Tage, mittags um 13.00 Uhr, in einer BetriebsSchutz-Leiter-Sitzung der VolksPolizeiInspektion Friedrichshain dem Kommandeur Jünger mitgeteilt, der dazu bemerkte, daß er diese Vorgänge der Abteilung BetriebsSchutz (Präsidium der VolksPolizei) und den anderen daran interessierten Stellen übermitteln würde."
Schon am 15. Juni hatte sich die Lage erheblich verschärft, am Nachmittag wurde von den Arbeitern am Block 40 der Stalinallee die Arbeit vollständig eingestellt. Bereits am Morgen hatte eine Belegschaftsversammlung auf der Baustelle Krankenhaus Friedrichshain stattgefunden. Vom BGL-Vorsitzenden Fettling einberufen, forderten die Anwesenden vom Betriebsleiter und dem Kreissekretär der IG Bau-Holz die sofortige Rücknahme des Ministerratsbeschlusses über die zehnprozentige Normerhöhung. Die Arbeit wurde niedergelegt, ein Protestschreiben an die Regierung der DDR verfaßt und durch 2 Delegierte in den Mittagsstunden im Büro des Ministerpräsidenten Otto Grotewohl übergeben. Darin wurde eine Stellungnahme bis zum Mittag des 16. Juni gefordert. Durch anwesende Arbeiter anderer Baustellen verbreitete sich die Nachricht rasch: am Nachmittag legten die Arbeiter des "Blockes 40" der Stalinallee die Arbeit nieder, denen sich Beschäftigte der Bauabschnitte Nord und Süd anschlossen und ähnliche Forderungen stellten. Die Arbeiter am Block 40 erhielten die Zusage, daß ihnen am Morgen des 16. Juni ein Gewerkschaftsvertreter Rede und Antwort stehen würde. Statt dessen erschien ein Vertreter der BGL und verwies auf einen am gleichen Tag in der Gewerkschaftszeitung "Tribüne" veröffentlichten Artikel, in dem die Normerhöhungen gerechtfertigt wurden. Der später erschienene Gewerkschaftsfunktionär wurde empört empfangen: als er die Normerhöhungen rechtfertigte, kam es zu tumultartigen Zuständen. Die ca. 400-500 Bauarbeiter stellten die Arbeit ein. Als die Nachricht aufkam, ihre Kollegen am Krankenhaus Friedrichshain seien von der Volkspolizei auf dem Betriebsgelände eingeschlossen, bildete sich ein Demonstrationszug, der rasch auf 1.000 Arbeiter anwuchs und sich zum Krankenhaus begab. Dort stellte sich zwar die Nachricht als falsch heraus, jedoch wurde die Demonstration nunmehr gemeinsam fortgesetzt. Etwa 2.000 Demonstranten begaben sich über den Leninplatz, Strausberger Platz zur Stalinallee bis zur Proskauer Straße und dann wieder zurück zum Alexanderplatz: ein Teil zum Neuen Stadthaus, um Verhandlungen mit dem Magistrat zu erzwingen, und weiter zum Sitz des FDGB in der Wallstraße. Dabei wurde lautstark gerufen: "Kampf gegen die erhöhten Normen", "Arbeiter heraus aus den Produktionsbetrieben und schließt euch dem Streik an". Hinter einem Transparent "Wir Bauarbeiter fordern Normen-Herabsetzung" begab sich der Zug über Unter den Linden, Friedrichstraße, Leipziger Straße zum Haus der Ministerien. Zwei Delegierte des Blockes 40 verlangten, Ulbricht und Grotewohl zu sprechen, die jedoch nicht anwesend waren. Auf die lautstarken Forderungen der immer mehr anwachsenden Demonstranten kletterte schließlich Fritz Selbmann, Minister für Bergbau und Hüttenwesen, auf einen eilig herbeigeschafften Tisch, wurde jedoch niedergeschrien und vom Tisch gezogen. Dann erklärte ein Bauarbeiter: "Wir wollen frei sein. Unsere Demonstration richtet sich nicht nur gegen die Normen. Wir kommen nicht nur von der Stalinallee, sondern aus ganz Berlin. Das hier ist eine Volkserhebung. Wir fordern freie und geheime Wahlen!" Anschließend wurde für den 17. Juni der Generalstreik ausgerufen.Gegen 15.00 Uhr löste sich die Menge, die mittlerweile auf 10.000 Personen angewachsen war, langsam auf.
Auf dem Rückweg zur Stalinallee wurde am Rosenthaler Platz ein Lautsprecherwagen des Magistrats angehalten, die Besatzung herausgezogen und die Forderungen der Demonstranten verbreitet. Als bekannt wurde, daß am Abend eine "außerordentliche Parteiaktivtagung" im Friedrichstadtpalast stattfinden würde, wo Ulbricht und Grotewohl zur Situatione Stellung nehmen wollten, setzten sich tausende in Marsch, es kam zu ersten tätlichen Auseinandersetzungen. Noch am Abend bildeten sich in der Stalinallee immer wieder Züge von 500-800 Personen, an der Sporthalle (später abgerissen) wurden Plakate und Transparente heruntergerissen. Gegen 21.00 Uhr verlangten 800-900 Demonstranten vor der Vollzugsanstalt Barnimstraße das Öffnen der Gefängnistüren und die Freilassung der Gefangenen. Sie warfen mit Steinen und riefen: "Wir holen Euch raus, morgen früh um 6.00 seid Ihr alle frei!" Die Gefangenen antworteten: "Holt uns raus, wir sind alle politische Häftlinge!" Nur mit Mühe konnten die Bewacher gewaltsame Ausbrüche verhindern.
Eine Gruppe von Bauarbeitern war in der Zwischenzeit zum Funkhaus des Rias gegangen mit der Bitte, folgende Forderungen auszustrahlen: Auszahlung der Löhne nach den alten Normen, Senkung der Lebenshaltungskosten, freie und geheime Wahlen, keine Maßregelungen der Streikenden und ihrer Sprecher. Diese wurden ab 19.30 Uhr mehrfach gesendet, ein Aufruf zum Generalstreik über den Rias durch die Sendeleitung jedoch ausdrücklich verboten. Allerdings forderte der Westberliner DGB-Vorsitzende Ernst Scharnowski im Rundfunk die Ostberliner Bevölkerung und die der DDR auf, am nächsten Tag überall ihre Strausberger Plätze aufzusuchen.
Ab 6.00 Uhr, der Streikaufruf hatte sich rasch herumgesprochen, versammelten sich Tausende auf dem Strausberger Platz und zogen zum Regierungssitz. Im Industriegebiet Oberschöneweide legten zahlreiche Betriebe die Arbeit nieder und zogen in das Stadtzentrum. Auch dieser Zug wuchs, verstärkt durch Passanten und Schaulustige, rasch auf 10.000 Personen an, Absperketten der Polizei - allein für die Stalinallee zwischen Proskauer Straße und Wassmannstraße waren 4 Kompanien mit jeweils 300 Mann vorgesehen - die ab 7.00 Uhr morgens in vollen Alarmzustand versetzt worden waren, wurden durchbrochen. Gegen 11.00 Uhr war die Zahl der Demonstranten vor dem Haus der Ministerien auf über 100.000 Personen angewachsen. Darunter befanden sich auch 8.000 Arbeiter zweier Großbetriebe aus Hennigsdorf, die durch den französischen Sektor marschiert waren. Ein anfängliches Durchmarschverbot des französischen Stadtkommandanten war aufgehoben worden, jedoch wurden die Westberliner Sektorleitungen und Polizeiinspektionen angewiesen: "Demonstrationen ostsektoraler Demonstranten in Westberlin sind zu unterbinden. Transparente dürfen zwar mitgeführt, jedoch in Westberlin nicht entfaltet werden." (Polizeipräsident Berlin, Polizeihistorische Sammlung, Ordner 17. Juni)
Immer mehr Betriebe legten die Arbeit nieder, so streikten im Bezirk Mitte von den 4.413 in vier Betrieben Beschäftigen ca. 3.300, in Friedrichshain von 10.815 in 10 Werken 10.484, in Köpenick von 24.073 in 13 Betrieben 12.598 Arbeiter. Dies betraf auch Werke sowjetischer Aktiengesellschaften. Zahllose Resolutionen wurden verfaßt und den Gewerkschafts- bzw. Betriebsleitungen übergeben. Die Forderungskataloge waren sich immer einander ähnlich: Ablösung der Regierung, Auflösung des hauptamtlichen FDGB-Apparates, freie Wahlen, Senkung der HO-Preise um 40%.
Ständig trafen neue Demonstrationszüge in der Leipziger Straße,volksaufstand am Potsdamer Platz und in den angrenzenden Straßen ein. Sprechchöre forderten den Rücktritt der Regierung, freie Wahlen und die Einheit Deutschlands. Gegen 10.00 Uhr hatten die Demonstranten alle Sektorengrenzschilder, Propagandaschilder und Fahnenmasten am Potsdamer Platz zerstört, Kioske und Baracken in Brand gesetzt (Polizeipräsident Berlin, Polizeihistorische Sammlung, Ordner 17. Juni). Die Situation eskalierte immer rascher, die Volkspolizeiwache im Columbushaus am Potsdamer Platz wurde gestürmt, Waffen und Bekleidungsstücke aus dem Fenster geworfen und der Westberliner Polizei übergeben, wie auch der verschlossene Panzerschrank. Einige Polizisten zogen es vor, sich in Westberliner Gewahrsam zu begeben. Um 11.00 Uhr wurde die rote Fahne vom Brandenburger Tor geholt und zerrissen.
Die sowjetische Führung entschloß sich, ihre Rechte als Besatzungsmacht (die formal schon zum größten Teil abgetreten worden waren) wieder aufleben zu lassen. Gegen Mittag trafen russische Truppen in der Leipziger Straße und am Potsdamer Platz ein. Ein erster Toter war zu beklagen, als Unter den Linden / Am Zeughaus russische Fahrzeuge in eine Menschenmenge hineinfuhren. Demonstranten errichteten ihm an diesem Ort ein provisorisches Gedenkkreuz.
Sowjetische Panzer und Truppen der kasernierten Volkspolizei (KVP) begannen, die Umgebung des Regierungssitzes unter Einsatz von Schußwaffen zu räumen, dabei gab es zahlreiche Verletzte und auch Tote. Die Demonstranten konnten nur mit Schmährufen, Knüppeln und Steinen antworten. Zahlreiche Menschen flüchteten in den Westsektor bzw. wurden dorthin abgedrängt. Viele konnten danach wegen Schließung der Sektorenübergänge nicht mehr zurück; noch Ende Juni betreuten Westberliner Stellen über 4.000 Ostberliner in behelfsmäßigen Unterkünften. Gleiches galt für viele Westberliner, die zum Teil interniert wurden und Ost-Berlin erst nach einigen Tagen über speziell eingerichtete Kontrollpunkte verlassen konnten.
Um 13.00 Uhr wurde durch "Befehl des Militärkommandanten des sowjetischen Sektors von Berlin" der Ausnahmezustaund verhängt. Während um 14.00 Uhr die Berliner Fahne auf dem Brandenburger Tor durch Demonstranten gehißt wurde, waren ein weiterer Toter und 25 Verletzte zu beklagen. Kurz darauf wurde die schwarzrotgoldene Fahne am Brandenburger Tor gehißt. Während die Schießereien anhielten, mußte die Westberliner Polizei das sowjetische Ehrenmal im Tiergarten vor aufgebrachten Demonstranten sichern. Um 16.00 Uhr fielen am Potsdamer Platz nur noch vereinzelte Schüsse. Demonstranten setzten das Columbushaus in Brand (Polizeipräsidium Berlin, Polizeihistorische Sammlung, Ordner 17. Juni).
Auch an anderen Stellen der Stadt gingen Demonstranten gegen Einrichtungen der SED und der Polizei vor. Sie belagerten das Haus des ZK der SED an der Prenzlauer Allee und warfen Fensterscheiben ein. Sowjetische Truppen verhinderten hier wie am Karl-Liebknecht-Haus am Rosa-Luxemburg-Platz die Erstürmung der Gebäude. Andere Demonstranten stürmten ein Gebäude des Ministeriums für Staatssicherheit in der Friedrichstraße und das Verlagsgebäude des FDGB in der Chausseestraße. Sektorenschilder wurden abmontiert, Baracken der Poliezei und des verhaßten "Amtes für Zoll und Kontrolle des Warenwesens" wie beispielweise am Sektorenübergang Friedrich-/Ecke Zimmerstraße in Brand gesteckt. Nur langsam konnten die Sektorengrenzen durch Heranführung weiterer sowjetischer Truppen hermetisch abgeriegelt werden, am Abend waren ca. 20.000 sowjetische Soldaten und 15.000 Angehörige der KVP eingesetzt, der Verkehr ruhte seit langem. Erst in den späten Abendstunden beruhigte sich die Lage, überall in der Stadt patroullierten Truppen. Der Aufstand war blutig niedergeschlagen. Um Mitternacht waren auf Westberliner Seite 64 Verletzte und 3 Tote festgestellt. Die Zahl der Toten erhöhte sich bis zum nächsten Tag auf 8. Dagegen informierte das Ministerium für Gesundheitswesen der DDR die Regierungskanzlei am 18. Juni über 44 Verletzte und 1 Toten im sowjetischen Sektor von Berlin, "wobei die Meldung der Deutschen Volkspolizei, die direkt an die Hauptverwaltung der Deutschen Volkspolizei erstattet wurde, unberücksichtigt geblieben ist." Drei weitere Personen starben später in Ostberliner Krankenhäusern an den Folgen ihrer Verletzungen, eine Person wurde am 22. Juni von einer sowjetischen Streife bei der Durchsetzung des Ausnahmezustandes erschossen (Diedrich, S. 239).
Eines der Opfer war der "Bewohner von Westberlin" Willy Göttling, der laut Bekanntmachung von Generalmajor Dibrowa, Militärkommandant des sowjetischen Sektors von Berlin, vom 18. Juni wegen Teilnahme "an den gegen die Machtorgane und die Bevölkerung gerichteten banditenhaften Ausschreitungen" zum Tode durch Erschießen verurteilt wurde. "Das Urteil wurde vollstreckt." Eine Überführung des Leichnams fand nicht statt. Am 4. Juli berichtete das Arbeitsbüro der Bezirksleitung der SED, daß Willi Göttling, Vater des standrechtlich erschossenen Willy Göttling, ohne Begründung aus der SED ausgetreten sei.
Wieviele Angehörige der Roten Armee wegen Befehlsverweigerung o.ä. standrechtlich erschossen bzw. Opfer der sowjetischen Militärjustiz wurden, ist bis heute ungeklärt. Diese Frage wird wohl nur nach Öffnung der russischen Archive geklärt werden können.
Noch am 17. Juni wurden 516 Personen festgenommen, davon 310 Ost- und 171 Westberliner sowie 35 DDR-Bürger. Der überwiegende Teil waren Arbeiter (382), Angestellte (50), Schüler und Sonstige (je 24).
In der Nacht wies der Ostberliner Polizeipräsident Waldemar Schmidt alle Polizeiinspektionen an, Menschenansammlungen in Fabriken mit allen Mitteln zu unterbinden, "Provokateure, die eine Arbeitsaufnahme verhindern, ... unter allen Umständen festzustellen, ganz gleich, ob sie sich als Streikleitung, die nur illegal sein kann, bezeichnen oder nicht" und Streikende aus den Betrieben zu entfernen. In der Folge wurden zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Bis 24.00 Uhr des 18. Juni waren durch Polizei und Ministerium für Staatssicherheit (MfS) 26 Personen als Mitglieder illegaler Streikleitungen festgenommen worden, wobei die von offizieller Seite angegebene Zahl mit Sicherheit zu gering war. "Personen, die im Zusammenhang mit den Unruhen festgenommen wurden und bei denen Verdachtsmomente (vorlagen), die aber nicht zur Einleitung eines Strafverfahrens (ausreichten, waren) zum Sammellager Berlin-Friedrichsfelde, Magerviehhof, Marzahner Chausse zu bringen". Gleiches galt für Personen, die die Ausgangssperre nicht einhielten.
Binnen kurzer Zeit war dieses Lager gefüllt. Bis zum 30. Juni waren 2.241 Personen durch die Polizei inhaftiert worden, davon im Lager Magerviehhof 1.004. Die Häftlinge wurden geschlagen, das Essen war unzureichend, sanitäre Anlagen fehlten. Von den 2.241 Inhaftierten übernahm das MfS 315, gegen 433 wurde Haftbefehl erlassen, 1.145 freigelassen, 253 erhielten Geldstrafen, 7 Häftlinge wurden durch sowjetische "Dienststellen" übernommen, 82 Personen waren am 30. Juni noch in Haft.
Von den durch Volkspolizei und Ministerium für Staatssicherheit Festgenommenen wurden bis zum 14. Februar 1954, oft nach mehrmonatiger Untersuchungshaft, 273 Personen angeklagt, davon 42 Westberliner. Verurteilt wurden 154 Personen, darunter 29 Westberliner.
Das betraf insbesondere als Streikführer bekannte Personen. Ein FDGB-Funktionär, als "Instrukteur" auf der Baustelle Krankenhaus Friedrichshain eingesetzt, meldete am 18. Juni: "Der BGL-Vorsitzende, Kollege Fettling, ist in der letzten Nacht gegen 3.00 Uhr aus seiner Wohnungn von 5 Männern abgeholt worden, die gleichzeitig eine Haussuchung vornahmen, ohne sich auszuweisen. Sein Nachbar, der Volkspolizist ist, war nicht anwesend. Mieter des Hauses konnten die Entführung (!) angeblich nicht verhindern". Er wurde am 26. Mai 1954 vom Berliner Stadtgericht zusammen mit dem Brigadier Karl Foth, dem Bauarbeiter Otto Lemke und dem stellvertretenden Brigadier Berthold Stanicke zu Zuchthausstrafen zwischen 4 und 10 Jahren verurteilt (Werkentin, S. 164).
Trotz der Repressalien streikten in ausgewählten Betrieben (insgesamt dürften die Zahlen noch höher liegen) am 18. Juni um 8.00 Uhr 18.079 Arbeiter, also ca. 50% der Streikenden vom Vortag, und um 12.00 Uhr waren es trotz allen Drucks noch 14.922.
Bis weit in den Juli hinein brodelte es in den Betrieben, wurden bei Belegschaftsversammlungen und "Aussprachen" immer wieder neben sozialen auch politische Forderungen erhoben. Es kam zu Sitzstreiks, Gerüchte machten die Runde über neue Erhebungen auch in der DDR. Vielfach kam es zu Solidarisierungen ganzer Belegschaften mit verhafteten Kollegen. So forderten die Arbeiter der Baustelle Funkwerk Köpenick die Freilassung eines Kollegen, der am 17. Juni verhaftet worden war und dessen Frau bis zum 25. Juni noch immer keine Nachricht von ihm hatte. Dieser Zustand hielt bis zum 9. Juli an, weshalb die Kollegen mit Streik drohten, sollte bis zum 10. Juli 12.00 Uhr keine Mitteilung über die Gründe seiner Verhaftung und seines Aufenthaltsortes erfolgt sein.
Nur langsam gelang es der Führung der SED und der Regierung der DDR in den folgenden Monaten, die Lage aus ihrer Sicht zu stabilisieren. Die Angst vor dem Verlust der Macht führte zu einem Ausbau des Repressivapparates, der bis zum Ende der DDR ständig vervollkommnet wurde: Bildung Zentraler und Bezirkseinsatzleitungen, Schaffung der "Kampfgruppen der Arbeiterklasse" im August aus Furcht vor neuen Unruhen in den Betrieben, Aufstockung der Mitarbeiterzahlen bei den Sicherheitsorganen. Die schon vorher vorhandene Entfremdung zwischen "Herrschenden" und "Beherrschten" wurde noch größer.

Quelle:http://de.groups.yahoo.com/group/wahres_allerlei/
Prüfe, was du hörst oder liest, mit Herz und Verstand -
und behalte das Gute !

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