Der amerikanische Traum als Weltanschauung

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DocNobbi
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Der amerikanische Traum als Weltanschauung

Beitrag von DocNobbi » Sa 4. Dez 2010, 14:29

Positives Denken: Der amerikanische Traum als Weltanschauung


Kern des Positiven Denkens ist die Idee, daß Gedanken Macht über die Dinge haben, und daß sich das, was der Mensch sich zum Guten und Bösen vorstellt, in der Praxis verwirklicht. Daher zielt das Positive Denken auf die Kontrolle von Bewußtseinsinhalten.
"Aus der Pflege glücklicher Gedanken und Gewohnheiten entsteht auch ein glückhaftes Leben. Glückliche Gewohnheiten entspringen einem befreiten und glücklichen Denken. Machen wir uns eine Erinnerungsliste glückbringender Gedanken und werfen wir täglich mehrmals einen Blick darauf. Wenn unzufriedene und düstere Gedanken Einlaß begehren, müssen wir sie augenblicklich und mit Entschiedenheit abweisen und - das ist wichtig - durch einen guten, glücklichen und zufriedenen Gedanken ersetzen."

Positives Denken bezeichnet also nicht eine optimistische Lebenseinstellung. Vielmehr geht es um einen “kosmischen Mechanismus”. Der Mensch bzw. sein Unterbewußtsein bzw. sein höheres Selbst werden mit positiven Gedanken programmiert, von denen man glaubt, daß sie die Realität nach sich ziehen. Es handelt sich um ein Glaubenssystem, dessen Wurzeln im Idealismus und Okkultismus des 19. Jahrhunderts liegen, das sich aber im Jahr 2000 immer noch als erstaunlich vital erweist. Ein Beispiel dafür sind die Bücher des bereits 1970 verstorbenen Napoleon Hill, der altmodischste und amerikanischste unter den Autoren des Positiven Denkens. Reichtum, Macht und Ruhm, soziales Ansehen und privates Glück sind für ihn verschiedene Seiten des “amerikanischen Traums”, die sich aufgrund derselben Geistesmagie ergeben, die er als magischen Schlüssel bezeichnet. Der Begriff Glaube, der bei den religiöseren Vertretern (z.B. Dale Carnegie, s.u.) anders besetzt ist, bedeutet bei Napoleon Hill einen kraftvollen Zustand des menschlichen Geistes, der Reichtum garantiert. Um dem Kosmos den einem zustehenden Reichtum abzuringen, muß man mit Disziplin und Ausdauer einfache Regeln befolgen:
“Entfalten Sie Ihre ganze Willenskraft und ergreifen Sie die uneingeschränkte Herrschaft über Ihren Geist! Es ist Ihr Geist! Er wurde Ihnen geschenkt als ein Diener, der Ihre Wünsche zu erfüllen hat. Niemand darf in Ihren Geist eindringen oder ihn auch nur im geringsten beeinflussen, ohne daß Sie zustimmen...”
Als weitere klassische Vertreter wären beispielhaft zu nennen: Joseph Murphy und Dale Carnegie („Sorge dich nicht - lebe!“), als moderne Epigonen Og Mandino und Nikolaus B. Enkelmann sowie Roland Arndt. Die Wirkungsgeschichte des Positiven Denkens geht reicht jedoch weit darüber hinaus. Der gegenwärtige Erfolgsglaube, der sich in „Motivationstagen“ und „Reichtumsanleitungen“ manifestiert, verdankt sich zu einem erheblichen Teil dieser Tradition (s. das folgende Kapitel).

Der Gedankenmagie des Positiven Denkens entspricht ein idealistisches Menschenbild. Von Enkelmann und Arndt wird in typischer Argumentation festgestellt:
“Bei unserer Geburt waren wir eine für diesen Zustand vollkommene Persönlichkeit und erst später bekamen wir unsere Macken, Ecken und Kanten. Aber nicht nur durch unsere Eltern, sondern durch Nachbarn, Bekannte, Verwandte, Arbeitskollegen und Fremde”. Die beiden Autoren verstehen deshalb wie viele andere ihre Lehre als einen Weg aus der Entfremdung vom eigentlichen, erfolgreichen Selbst: “Wir haben dieses Erfolgssystem für Menschen entwickelt, die Veränderungen einleiten und durchsetzen wollen..... Es ist ein System für Menschen mit einer positiven Einstellung zum Leben und zur Welt. Mit der Fähigkeit, so vorzugehen wie es beschrieben steht, werden Sie alles erreichen, was ein Mensch hier auf Erden erreichen kann”.

Positives Denken ist deshalb sowohl ein “Lernen am Modell”, nämlich am Beispiel erfolgreicher Personen, als auch eine Anleitung zur suggestiven Fremd- und Selbstbeeinflussung. Die Programmierung des Denkens soll einerseits auf dem Weg der Selbsthilfe möglich sein, indem Regeln oder Gesetze gelernt und im Leben umgesetzt werden. Die Gültigkeit dieser Regeln wiederum wird von Personen verbürgt, die Erfolg hatten (oder dies glaubwürdig behaupten). Die tägliche Praxis wird durch Hilfsmittel unterstützt. Es gibt Kalender für Manager mit dem täglichen positiven Sinnspruch. Über Telefon ist es möglich, einen positiven Impuls für den Tag zu bekommen; Subliminaltonträger sind im Angebot, deren unterschwellig aufzunehmenden Botschaften Erfolge bringen sollen (z.B: "Mehr erledigen in weniger Zeit"), Audio- und Videokassetten dienen der Suggestion mit technischen Mitteln usw.

Es ist kaum notwendig zu betonen, dass das Positive Denkens weder in der Fachpsychologie noch in anderen Humanwissenschaften einen Anhalt besitzt. Trotzdem hat es einige günstige Auswirkungen, allerdings nicht aus geistesmagischen Gründen. Wichtigster Grund ist der Mechanismus der “self-fulfilling prophecy”. Was man erwartet, hat die Tendenz einzutreten, da man sich häufig so verhält, daß man das erhoffte oder gefürchtete Ereignis fördert. Daher hat es günstige Auswirkungen, wenn man - auf welchen Wegen auch immer - Zuversicht vermittelt und die Willenskraft stärkt. Zukunftsorientierung ist hilfreicher als ein Grübeln über die Vergangenheit usw. Hinzu kommt der Stressabbau durch die kontemplativen Übungen, die mit dem Positivem Denken verbunden sind. Dabei kommt es jedoch nicht auf die Inhalte an, sondern auf die Ruhepausen, die Stille und die Aufmerksamkeit für das eigene Innere. Sven Tönnies meint sogar:
"Die konstruktiven Änderungen, die durch das positive Denken zu erreichen sind, können demnach nicht auf die affirmativen Selbstsuggestionen zurückgeführt werden. Die treten auch ohne diese, allein infolge der Entspannung ein."
Die günstigen Effekte erklären den - subjektiv meist ehrlichen - Eindruck vieler Anhänger, Positives Denken habe ihnen geholfen. Allerdings handelt es sich um kurzfristige und alltägliche Effekte, die sich verlieren, besonders wenn man sie zu häufig in Anspruch nimmt. Daher berichten viele ehemalige Anhänger von einer anfänglichen Euphorie, die später der Ernüchterung oder sogar einem deprimierenden Absturz wich.

Die Risiken des Positiven Denkens kann man mit dem Stichwort Realitätsverlust zusammenfassen. Zum einem tritt dann Realitätsverlust ein, wenn man die Ziele so hoch ansetzt, daß sie unerreichbar sind. Dann werden Lebensentscheidungen gefällt, die in die Verschuldung führen, menschliche Beziehungen belasten usw. Die Gründe brauchen hier nur angedeutet zu werden: Das Positive Denken berücksichtigt weder die unterschiedlichen Fähigkeiten der Menschen, noch ihre unterschiedliche Persönlichkeitsstruktur noch die Wechselwirkung zwischen der individuellen Psyche und deren sozialer Umgebung. Außerdem gibt es für das Positive Denken angeblich keine unlösbaren Probleme, nichts was auszuhalten oder als unabänderlich anzunehmen wäre. Damit wird ein Teil der Kompetenz, mit Problemen umzugehen, gerade nicht entwickelt. Krankmachend wirkt es, wenn Versagen, Unglück und Leid als vom Menschen selbstverschuldet gesehen werden. Dann hat man als erfolgloser oder leidender Mensch die Methode falsch angewandt, man war nicht eifrig genug, nicht konsequent genug usw. - jedenfalls war man selbst an allem schuld. Besonders Günther Scheich beschreibt solche Fälle aus seiner psychologischen Praxis.

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Marleen
Co-Moderator

Re: Der amerikanische Traum als Weltanschauung

Beitrag von Marleen » Mi 8. Dez 2010, 18:45

Und wie muss ich mir positives Denken vorstellen.
Augen vor der Realität verschliessen wenn sie unangenehm ist und rasch einen anderen Gedanken aufnehmen der mir mal bessere Gefühle bescherte?
:XD: :DX:
Marleen

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