Gnostische Spiritualität

"Der wahrhaft religiöse Geist ist frei von allen Gurus." (Krishnamurti, Vollkommene Freiheit)
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Flora
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Gnostische Spiritualität

Beitrag von Flora » Fr 6. Jan 2012, 16:04

Die Entwicklung im frühen Christentum verlief nicht eingleisig. Neben der katholischen Kirche des zweiten Jahrhunderts, auf die der neutestamentliche Kanon letztlich zurückgeht, gab es christliche Gruppen, deren Literatur infolge planmäßiger Ausmerzung durch katholische Bischöfe nur trümmerhaft erhalten ist. Zu ihnen gehören die Gnostiker, die als Ketzer gebrandmarkt, unterdrückt und mitsamt ihren Anhängern ausgerottet wurden.

Unter Gnosis versteht man eine religiöse Strömung, die in der Spätantike ihren Höhepunkt hatte. Das griechische Wort »Gnosis« bedeutet »Erkenntnis«. Die Erkenntnis ist für den Gnostiker in erster Linie Selbsterkenntnis: Die Seele des Menschen ist himmlischen Ursprungs. Durch einen Fehltritt einer göttlichen Macht entstand die Welt, die - wie alles Materielle - fehlerhaft ist. Die göttliche Seele ist in dem materiellen Körper gefangen und hat ihre wahre Heimat vergessen. Durch den Ruf des Erlösers, den die christlichen Gnostiker mit Jesus gleichsetzen, erwacht die Seele aus ihrem Schlaf und ihrer Trunkenheit. Sie wird über ihre Herkunft und ihren Fall belehrt. Diese Erkenntnis bringt ihr Erlösung und lässt sie wieder eins werden mit dem Pleroma (=Fülle), aus dem sie stammt.

Eine »gnostische Programmformel« lautet folgendermaßen:
Wer waren wir?
Was sind wir geworden?
Wo waren wir?
Wohinein sind wir geworfen?
Wohin eilen wir?
Wovon sind wir befreit?
Was ist Geburt?
Was ist Wiedergeburt? (Exzerpte aus Theodot 78,2).

Die Gnostiker haben versucht, auf diese Fragen eine Antwort zu finden. Doch taten sie dies nicht durch abstrakte Denkübungen oder mit Hilfe theoretischer Systeme. Vielmehr haben sie in unübertroffener religiöser Kreativität die Geschichte des menschlichen Selbst geschildert, welches in den gnostischen Texten oft mit der Seele des Menschen oder mit einem Lichtfunken gleichgesetzt wird. Dabei wurden erzählte Mythen mit gewaltigen Bildern zu Ausdrucksmitteln der Gnosis.
In diese Mythen sind Elemente aus dem Judentum, der griechischen Religion und Philosophie sowie orientalisches Gedankengut eingeflossen. Was immer dazu geeignet war, Herkunft und Situation des Menschen in der Welt und seine Rückkehr zum Ursprung plausibel zu machen, hat seinen Platz in den gnostischen Mythen gefunden.

Die Gnosis stellt keine einheitliche Strömung dar. Ist allen gnostischen Richtungen zwar die eine Frage nach der wahren Identität des Menschen gemeinsam, so unterscheidet sich doch die jeweilige Ausmalung des gnostischen Mythos, der die Antwort auf die gnostische Frage ist. Dabei empfiehlt es sich, grundsätzlich zwischen einer monistischen und dualistischen Gnosis zu unterscheiden: Im ersten Fall stammt auch die Materie bzw. das Böse aus der Gottheit selbst und ist durch einen göttlichen Ungehorsam oder Fehltritt entstanden, im zweiten Fall ist das Böse dualistische Gegenmacht zum »guten Gott«. Die meisten christlich-gnostischen Systeme entsprechen dem ersten Gnosis-Typ. Doch auch sie sind in sich nicht einheitlich und in unterschiedliche gnostische Schulrichtungen wie dem Valentinianismus sowie der sethianischen oder basilidianischen Gnosis aufzugliedern.

Die Gnosis ist nicht auf das Christentum beschränkt. Es gibt auch eine jüdische, iranische und ägyptische Gnosis.

(Aus dem Buch "Unterdrückte Gebete: gnostische Spiritualität im frühen Christentum" von Gerd Lüdemann und Martina Janssen)
Herzliche Grüße Flora

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