Daniel Hell: Spiritualisierung der Psychotherapie
Verfasst: Mi 11. Jan 2012, 18:41
Spiritualisierung der Psychotherapie – Wiederkehr des Verdrängten?
" ... Eine eben in der führenden amerikanischen Psychiatriezeitschrift (Am J Psychiatry 164, 12. Dec. 2007) von Culin und Mitarbeitern publizierte Studie kommt zum Schluss, dass die grosse Mehrheit der in den USA befragten Psychiaterinnen und Psychiater religiöse und spirituelle Überzeugungen und Praktiken als bedeutungsvoll einschätzen. 93% der befragten, repräsentativ ausgewählten Fachärzte für Psychiatrie setzen sich in ihren Therapien mit spirituellen Fragen auseinander. 66% sind sogar der Auffassung, dass es angebracht ist, mit den Patienten zu beten, wenn diese es wünschen oder der Arzt es für richtig hält.
Solche Zahlen belegen das offenbar wachsende Interesse an Spiritualität in der Psychiatrie, wofür auch die Gründung einer „Abteilung für Psychiatrie und Religion“ der World Psychiatric Association spricht. Allerdings gilt es anzumerken, dass Religion und Spiritualität in Europa anders als in den USA noch vielerorts ein Tabuthema ist. Persönlich würde ich es jedenfalls nicht wagen, mit einem Patienten in der Therapie zu beten, sondern würde zum Aufsuchen eines Seelsorgers raten, wenn ein Patient solches wünscht. Aber auch in der europäischen Psychiatrie werden religiöse und spirituelle Praktiken z.B. an Fortbildungen und Kongressen vermehrt thematisiert.
Die Zeiten ändern sich, und zwar mit grossem Tempo. Dadurch werden Psychiatrie und Psychotherapie herausgefordert, ob sie es wollen oder nicht. Einerseits haben diese Behandlungsdisziplinen die spirituelle Dimension ernst zu nehmen, andererseits dürfen sie ihre kritisch überprüfende Haltung nicht aufgeben. Spiritualität und Medizin bzw. Psychologie gehen nicht von gleichen Perspektiven und Voraussetzungen aus. Der therapeutische Nutzen von einzelnen spirituellen Praktiken (etwa derjenigen von Achtsamkeitsübungen) lässt sich zwar empirisch nachweisen, aber Spiritualität als solche geht weder in Psychologie noch in einer andern Wissenschaft auf. Sie ist eine ich-relativierende Lebenshaltung des einzelnen Menschen und nicht ein objektivierbarer Sachverhalt. Eine unkritische Vermengung von säkularer Psychotherapie und spirituellem Lebensweg schadet beiden: der Psychotherapie wie der Spiritualität ... "
Vollständiger Beitrag: http://www.gwg-ev.org/cms/cms.php?textid=1247
Über den Autor: http://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Hell
" ... Eine eben in der führenden amerikanischen Psychiatriezeitschrift (Am J Psychiatry 164, 12. Dec. 2007) von Culin und Mitarbeitern publizierte Studie kommt zum Schluss, dass die grosse Mehrheit der in den USA befragten Psychiaterinnen und Psychiater religiöse und spirituelle Überzeugungen und Praktiken als bedeutungsvoll einschätzen. 93% der befragten, repräsentativ ausgewählten Fachärzte für Psychiatrie setzen sich in ihren Therapien mit spirituellen Fragen auseinander. 66% sind sogar der Auffassung, dass es angebracht ist, mit den Patienten zu beten, wenn diese es wünschen oder der Arzt es für richtig hält.
Solche Zahlen belegen das offenbar wachsende Interesse an Spiritualität in der Psychiatrie, wofür auch die Gründung einer „Abteilung für Psychiatrie und Religion“ der World Psychiatric Association spricht. Allerdings gilt es anzumerken, dass Religion und Spiritualität in Europa anders als in den USA noch vielerorts ein Tabuthema ist. Persönlich würde ich es jedenfalls nicht wagen, mit einem Patienten in der Therapie zu beten, sondern würde zum Aufsuchen eines Seelsorgers raten, wenn ein Patient solches wünscht. Aber auch in der europäischen Psychiatrie werden religiöse und spirituelle Praktiken z.B. an Fortbildungen und Kongressen vermehrt thematisiert.
Die Zeiten ändern sich, und zwar mit grossem Tempo. Dadurch werden Psychiatrie und Psychotherapie herausgefordert, ob sie es wollen oder nicht. Einerseits haben diese Behandlungsdisziplinen die spirituelle Dimension ernst zu nehmen, andererseits dürfen sie ihre kritisch überprüfende Haltung nicht aufgeben. Spiritualität und Medizin bzw. Psychologie gehen nicht von gleichen Perspektiven und Voraussetzungen aus. Der therapeutische Nutzen von einzelnen spirituellen Praktiken (etwa derjenigen von Achtsamkeitsübungen) lässt sich zwar empirisch nachweisen, aber Spiritualität als solche geht weder in Psychologie noch in einer andern Wissenschaft auf. Sie ist eine ich-relativierende Lebenshaltung des einzelnen Menschen und nicht ein objektivierbarer Sachverhalt. Eine unkritische Vermengung von säkularer Psychotherapie und spirituellem Lebensweg schadet beiden: der Psychotherapie wie der Spiritualität ... "
Vollständiger Beitrag: http://www.gwg-ev.org/cms/cms.php?textid=1247
Über den Autor: http://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Hell