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Katharer - standhaft im Glauben

Verfasst: Sa 18. Dez 2010, 15:18
von Hathor
Hallo Freunde!

Im Dom zu Köln wurden sie verhört, drei Männer unter ihrem Anführer Arnold und mit ihnen ein Mädchen. Aus Flandern waren die Andersgläubigen herüber gekommen, um in der großen Stadt unterzutauchen. Vergebens. Schnell hatten Nachbarn bemerkt, dass die Fremden sonntags nicht zur Messe gingen, und schnell hatten kirchliche Häscher zugegriffen. Am 5. Oktober 1163 wurden die Unbeugsamen, nicht zu Reue noch Widerruf bereit, vor den Stadttoren verbrannt. Angefangen mit den Männern, während das Mädchen ihrem Flammentod zuschauen musste. Würde es vielleicht abschwören in letzter Minute? In ein Kloster eintreten dürfe die zum Irrglauben Verführte, so das großzügige Angebot der Inquisitoren.

Die Chronik des Caesarius von Heisterbach berichtet, was dann urplötzlich geschah:
»Während sie dem Worte nach zugestimmt hatte, sagte sie zu den Haltenden: ,Sagt mir, wo liegt jener Verführer?' Und als sie ihr den Meister Arnold zeigten, da riss sie sich aus ihren Händen los, bedeckte das Gesicht mit dem Kleid und stürzte sich über den Leib des Toten.« Auch in Mainz, in Trier, in Bingen wurden Glaubensabweichler aufgespürt, die der römisch-katholischen Lehre widersprachen, auch in Bonn und in Nürnberg endeten sie auf dem Scheiterhaufen. »Boni christiani, veri christiani«, nannten sich die Verfolgten: gute, wahre Christen. Auch als »Katharer«, als die Reinen, die Gereinigten (im Sinne des altgriechischen Begriffs der Katharsis), traten sie auf und unterstrichen mit diesem Namen ihre Kritik an der befleckten, an der verweltlichten Amtskirche.
Machtbewusst schlug die kirchliche Hierarchie zurück und ächtete die Katharer als »Ketzer«. Worte gibt es, die können töten. War ein Verdächtiger erst einmal als Ketzer gebrandmarkt, dann stand es um sein Leben schlecht. Woran erkennt man einen Katharer? Ein untrügliches Erkennungszeichen hatte die Inquisition herausgefunden! In Goslar ist es gewesen im Jahre 1052, da saß Kaiser Heinrich III. über etliche Angeklagte zu Gericht. Und der Bischof überführte sie mittels eines unwiderlegbaren Beweises. Ein Huhn ließ er in die Kaiserpfalz bringen, ein lebendes Huhn.

Sodann reichte er den Gefangenen ein Schlachtermesser und forderte sie auf, den gefiederten Hals abzuschneiden. Totenstill geworden war es mit einem Mal unter dem Hallengewölbe, alle Augen richteten sich auf den Hals. Was würde geschehen?

Nichts geschah, gar nichts. Keinen Finger rührten die Unwilligen, denn eine solche Tat verbot ihnen ihr Glaube! »Du sollst nicht töten«, lautet das fünfte Gebot klar und deutlich. Kirchliche Doktrin hatte seinen Geltungsbereich auf das Töten von Menschen beschränkt (noch dazu durchlöchert von den Ausnahmeregeln des Krieges und der Strafgerichtsbarkeit). Die Katharer jedoch verstanden dieses Gebot wortwörtlich: Wer immer das Schwert ergreift, ob Landsknecht oder Scharfrichter, begeht eine schwerwiegende Sünde. Auch das Leben der Tiere, so sagten sie, ist unantastbar, denn jedes Lebewesen trägt tief in seinem Innern eine ewige Seele. Und diese Seelen auf großer Wanderschaft, von einem Geschöpf zum anderen, sind sorgsam zu behüten. Die katharischen Geistlichen, Vorbilder für ihre Gemeinden, lebten ausnahmslos vegetarisch. Als »Perfecti« das Ideal höchster Vollkommenheit repräsentierend, enthielten sie sich nicht nur des Fleisches, sondern auch des Verzehrs von Eiern und Butter, von Milch und Käse. Zurück zur Gerichtsverhandlung in Goslar - wie ist sie ausgegangen? Es kam, wie es wohl kommen musste. Strikt weigerten sich die Angeklagten, das Huhn zu töten; starr sprachen Kaiser und Bischof das Todesurteil. Die Ketzerei galt als bewiesen. Am Galgen starben jene, die lieber ihr eigenes Leben gaben, als ein fremdes zu nehmen.

Das Kernland der Katharer lag in Südfrankreich, in der Grafschaft Toulouse. Dort hatten sie fest gefügte Gemeinden gebildet. Unterstützt vom regionalen Adel, der auf diese Weise seine Autonomie von Papst und Königtum demonstrierte. In der Stadt Albi residierte gar ein eigener Bischof. (Daher auch die häufig zu hörende Bezeichnung »Albigenser«.) Mittelalterliche Kreuzzüge richteten sich gewöhnlich gegen »Heiden«, vornehmlich gegen die Moslems. Jedoch kennt die Geschichtsschreibung einen bemerkenswerten Sonderfall. Im jähre 1208 ist es gewesen, da rief Papst Innozenz III. zum Kreuzzug gegen ein christliches Land! Tausende Kreuzritter fielen in Südfrankreich ein und ließen eine Blutspur, eine Schneise des Schreckens, hinter sich zurück. Jahrzehnte der Zerstörung begannen. Mehr als 20000 Einwohner metzelten die Eroberer nieder beim Sturm auf Bezier. Jeden, den sie antrafen auf Straßen und Plätzen, in Häusern und Kirchen. Mancher Soldat mag sich gefragt haben, wie er denn Ketzer und Rechtgläubige unterscheiden könne. Chronist Heisterbach überliefert die Antwort eines Abtes: »Schlagt sie alle tot, Gott kennt schon die Seinen!« Den Bewohnern von Toulouse ist ein ähnliches Schicksal erspart geblieben, ihre Stadtmauern hielten stand. Stellvertretend fielen die umliegenden Dörfer und Weinberge der Verheerung zum Opfer.

Zahlreiche Katharer, die mit dem Leben davongekommen waren, flohen über die Grenze nach Katalonien oder in die Lombardei. Andere verschwanden im Untergrund. In den Felsenhöhlen der Pyrenäen, in den unwegsamen Wäldern der Cevennen, in Scheunen und Ställen befreundeter Gehöfte. Auf heimlichen Wegen wanderten die Perfecti zu den verstreuten Gemeindegliedern. Kirchengebäude brauchten sie keine für ihren Zusammenhalt, konnte doch jede Bau-ernküche, jede Handwerkerstube zum geheiligten Andachtsraum werden. Historiker haben sich immer wieder gefragt:
Warum wurden gerade die Katharer so gnadenlos bekämpft? Weil ihre religiöse Opposition ein Bündnis einging mit dem Unabhängigkeitswillen des okzitanischen Adels? Und weil dessen Interessen sowohl die königliche Zentralgewalt als auch die kirchlichen Ländereien in Frage stellten? Machtpolitische Motive mögen für Papst und König gewichtig gewesen sein, können jedoch Dauer und Ausmaß des Blutvergießens nicht erklären. Verfolgung bis zur Vernichtung, da müssen abgrundtiefe Glaubensgegensätze den Hass geschürt haben.

Was also glaubten die Ketzer? Was bewirkte solch mörderische Reaktionen? Ihre vegetarische Lebensweise, wenngleich außergewöhnlich im finsteren Mittelalter, die war es nicht! Lediglich zur Identifizierung der Gesuchten diente sie den fahndenden Behörden. Da Katharer-Schriften ebenso verbrannt wurden wie ihre Verfasser, sind wir bei unserer Recherche auf Dokumente der Verfolger angewiesen. Auf die Verhör-Protokolle der Inquisition. Darin befinden sich genaue Angaben über die Gottesvorstellung und das Weltbild der Verhörten. Was war es, das sie lieber in den Tod gehen ließ, als in die Arme der römischen Papstkirche zurückzukehren? Im Mittelpunkt der katharischen Lehre stand die Frage nach der Herkunft des Bösen. Wie kann diese Welt von einem gütigen Gott geschaffen sein, wenn in ihr Mord und Totschlag herrschen? Raffgier und Raub, Lug und Trug, Pest und Cholera. Und wie kann ein liebender Gott all diesem Treiben tatenlos zuschauen? Müsste ihn die unsägliche Not nicht zum Handeln zwingen?

Der Verweis des Vatikans auf den »unergründlichen göttlichen Ratschluss« konnte die Fragen nicht zum Schweigen bringen. Auch die These, der Mensch sei mit freiem Willen geschaffen und habe diesen schändlich missbraucht (angefangen bei Evas Sündenfall), bot keine Antwort. Denn was ist mit all den anderen Geschöpfen? Was ist mit dem himmelschreienden Elend der Tiere? Die Katharer zogen aus diesem theologischen Dilemma einen folgenreichen Schluss:
Der liebe Gott kann nicht allmächtig sein! Und ihre Folgerung ging noch weiter. Nicht nur eine einzige Gottheit gibt es im Universum, es gibt deren zwei! Dem gütigen Gott, der Macht des Lichts, steht als ebenbürtiger Widersacher, die Macht der Finsternis, gegenüber. In alter Geistestradition der Gnostiker, der Manichäer und Bogomilen erschien ihnen die Welt als Dualität. Zwei feindliche Kräfte sind zum Kampf gegeneinander angetreten, und ihr Kampfplatz ist überall, bis hinein in eines jeden Menschen Herz. Jeden Augenblick müssen wir uns entscheiden. Meine Gedanken, meine Worte, meine Taten, sie alle ergreifen Partei in diesem kosmischen Ringen. Und sie tragen bei zum letztlichen Resultat, welche Seite am jüngsten Tage triumphieren wird.

Die Macht der Finsternis ist es gewesen, welche am Anfang aller Zeiten die Seelen herabgelockt hat auf die Erde. In das Gefängnis des Körpers. Irdischen Lüsten verfallen und von irdischen Qualen gepeinigt, müssen sie seitdem wandern, von einem Leib zum ändern. Doch gibt es Hoffnung, wie der hingerichtete Parfait Pierre Authie seinen Anhängern verhieß. Durch den Sieg über das Dunkel, durch innere Wandlung, durch die Überwindung des Bösen im eigenen Selbst können die Seelen heimkehren in himmlische Sphären. Das ist die Wiederkunft des einstmals verlorenen Garten Eden. »Dort wird jede Seele so viel Reichtum und Glück haben wie jede andere, und alle werden sein wie eine. Und alle Seelen werden einander lieben, als liebten sie die Seelen ihrer Väter und ihrer Kinder.«
Der Süden Frankreichs, er lag in jener düsteren Zeit weitab vom Paradies. Wie eine Walze der Verwüstung hatten die Kreuzritter das Land überrollt. Scheinbar unaufhaltsam, bis sie im Frühjahr 1243 am Fuße eines Berges gestoppt wurden. Montsegur lautet der Name des stattlichen Bergkegels östlich von Tarascon im Departement Ariege. Hoch über dem Tal thront das massive Mauerwerk der Burgruine, und steil fallen in drei Richtungen die schroffen Felsen ab. (Täglich kommen heute Besucher und steigen schwer atmend den urtümlichen Maultierpfad hinauf.)

Hier an diesem gut geschützten Ort hatten die Katharer eine Festung errichtet, eine letzte Zuflucht. Reichliche Vorräte an Lebensmitteln lagerten in den Magazinen, und randvoll füllte aufgefangenes Regenwasser die Zisterne. Günstige Voraussetzungen, um der militärischen Übermacht für geraume Zeit zu trotzen. Die Sommermonate verstrichen, der Herbst nahte, ohne dass die Angreifer auch nur einen Schritt vorankamen. Im Winter jedoch wendete sich das Blatt, die Lage wurde heikel. Einigen Söldnern war es bei Nacht gelungen, unbemerkt den Gipfel zu erklimmen und sich in Schussweite zu verschanzen. Balken um Balken zogen sie an Seilen herauf und begannen, ein Katapult, eine wuchtige Schleudermaschine zu errichten. Die letztlich entscheidende Waffe! Fünfzig Kilogramm schwere Steinkugeln prallten nun Stunde für Stunde gegen die Quader der Außenmauer, durchschlugen niederschmetternd die ziegelgedeckten Dächer und töteten wahllos, wie es der Zufall wollte, Mensch und Tier. 16. März 1244. Ein Gedenkstein am Fuße des Südhangs erinnert jeden Wanderer an die »Champs des Cremats«, an die Felder der Verbrannten. Nach einjähriger Belagerung sturmreif geschossen, ausgehungert und ausgedürstet, hatten die Verteidiger aufgeben müssen. Zwei Wege standen ihnen an diesem Tag zur Wahl: abschwören oder verbrennen. Zweihundertfünf Katharer wählten den Weg ins Feuer. In lang aufgereihter Prozession schritten die Todgeweihten den Pfad hinunter. An der Spitze die Frauen, von weißen Tüchern umhüllt. Frauen und Männer, junge und Alte bestiegen den wohl größten Scheiterhaufen der Geschichte, 24 mal 12 Meter im Geviert. Dicht aneinander gedrängt standen sie in Erwartung des Endes. Mehrere Tage soll es gedauert haben, bis die gewaltige Glut erloschen und der Rauch aus den Tälern abgezogen war. Und viele Sommer sollen verstrichen sein, bis über der Asche neues Gras gedieh.

Die Katharer, sie betrachteten die Welt als eine Schöpfung des Teufels. Die Erde mit ihren vielgestaltigen Geschöpfen, mal Jäger und mal Gejagte, mal fressend und mal gefressen werdend, alle in einem erbarmungslosen Kampf ums Dasein verfangen, das ist die Hölle! Wer diese Welt für eine Erfindung des Teufels hält und mit ihr den Papst samt seinen Kardinalen, samt Priestern und Prälaten, der hat keine Veranlassung, den Zehnten zu zahlen. Und auch die Autorität gekrönter Häupter, nicht länger »Herrscher von Gottes Gnaden«, fällt dahin.
Folter und Pein, Verfolgung und Ausrottung bestätigten die Katharer in ihrem Weltbild. Je höher die Flammen der Scheiterhaufen loderten, je heißer die Inquisitoren die Hölle anheizten, desto offenkundiger schien den Verbrennenden ihr Glaube.

© Joachim Berger

Re: Katharer - standhaft im Glauben

Verfasst: Sa 18. Dez 2010, 15:28
von DocNobbi
Mich würden jetzt Gemeinsamkeiten zwischen Templern, Katharern und dem heiligen Gral interessieren.
Sicherlich bestehen da welche ?!
Das Wirken der Katharer hatte seinen Höhepunkt im 12./13. Jahrhundert und der Templerorden bestand von 1118 bis 1314. Eine zeitliche und räumliche Nähe ist also gegeben.
Da sowohl Templer als auch Katharer in ganz Europa und insbesondere an den okzitanischen Höfen präsent waren, sind Begegnungen zwischen Mitgliedern beider Organisationen sicher eher Regel als Ausnahme.
:idee:

Re: Katharer - standhaft im Glauben

Verfasst: Sa 18. Dez 2010, 21:33
von Hathor
Hallo Nobbi!

Du hast Recht, zwischen den Templern, Katharern und dem hl Gral bestehen jede Menge Gemeinsamkeiten.

Ich habe Templer, Katharer und hl Gral studiert und dafür müsste man schon ein eigenes Thema ansetzen.

Kurz gesagt: Hugo de Payens, der 1118 die Templer gründete stammt aus der Champagne, in der die Katharer mehrheitlich vertreten waren. Nachdem der Landesherr Hugo de la Champagne bei den Templern Mitglied wurde, fanden diese bei Ausgrabungen im Jerusalemer Tempelberg den hl Gral, von dem wir bis heute nicht wissen, was es ist. Die Templer brachten den hl Gral nach Europa und ließen ihn von den Katharern bewachen, diese gelten als "die Ritter des hl Gral". Dafür wurden sie von der Kirche ausgerottet, den hl Gral aber hatten sie versteckt. Alles ein sehr interessantes Thema.

VG Hathor