Forscher rechneten mit Erdbeben der Stärke 7 in der Schweiz - Flutwelle inklusive
Stefan Mappus und Angela Merkel setzten bis jetzt auf den Reaktor Neckarwestheim - doch Geologen rechnen schon lange mit einem Erdbeben der Stärke 7 in der Schweiz. Damit steht fest: Ein deutsches Fukushima wäre zu jeder Zeit möglich gewesen, denn das Alpenland grenzt auch an Baden-Württemberg an. Tatsächlich simulierte "in einer gross angelegten Stabsübung" die kantonale Führungsunterstützung am Montag und Dienstag dieser Woche die Notfallszenarien Erdbeben und Trockenheit. "Das Szenario Erdbeben ging von einem Beben mit Epizentrum im Raum Emmen aus und wurde mit einer Stärke von 7,0 auf der Richterskala definiert", heißt es dazu in einer Mitteilung der Staatskanzlei Luzern. Ignorierten Merkel und Mappus eine Studie der ETHZ aus dem Jahr 2001?
Während 32 Stunden wurden die Durchhaltefähigkeit der Formation geprüft sowie die organisatorischen Abläufe geübt und gefestigt. Die Führungsunterstützung des kantonalen Führungsstabes wird im Auftrag des Kantons durch die Zivilschutz-Organisation Emme sichergestellt.
Mega-Erdbeben und Flutwelle in Mitteleuropa möglich
Das Szenario Erdbeben ging von einem Beben mit Epizentrum im Raum Emmen aus und wurde mit einer Stärke von 7,0 auf der Richterskala definiert. "Die Aufgabe der 72 involvierten Personen bestand darin, eine effektive und flüssige Stabsorganisation aufzubauen, um für den Kernstab Grundlagen für die rasche Bewältigung dieser fiktiven Katastrophe zu erarbeiten", teilt die Staatskanzlei mit. Unter anderem wurden die Teams "mit eingeschlossenen Menschen, mit dem Ausfall von Strom und Spitälern, mit brennenden Tanklagern und mit einem Nachbeben konfrontiert, das eine Flutwelle in der Luzerner Seebucht auslöste", und: "Das Szenario basiert auf den neusten Erkenntnissen der Erdbebenforschung in der Schweiz", sagte Major Armin Camenzind, Chef Führungsunterstützung des Kantonalen Führungsstabes Luzern.
Merkel hätte die Studie kennen müssen
Eine ETH-Studie aus dem Jahr 2001 untersuchte anhand von Sedimentschichten vergangene Beben und fand Spuren von mehreren schweren Erdbeben im Raum Luzern. Bereits 1601 beschrieb Renward Cysat, der damalige Stadtschreiber Luzerns, ein "starkes und fürwahr erschreckendes Erdbeben". Zerstörte Häuser, Erdrutsche und eine Flutwelle waren die Folge. Spätere Untersuchungen schätzten das Beben auf eine Stärke von 6,2 auf der Richterskala - damit wäre es eines der bislang stärksten Erdbeben in Mitteleuropa gewesen.
(2011-03-15) LifeGEN
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Selten war eine Runde Menschen bei Maischberger so gut zusammengestellt wie gestern. Die wichtigsten Antworten zu den Themen Restrisiko, Sicherheitsstandards und Atomkraftwerk-Standort Deutschland hat news.de für Sie zusammengefasst.
Unter der Überschrift Die Geister, die wir riefen: Atomkraft außer Kontrolle? lud Sandra Maischberger gestern Abend eine Expertenrunde zu sich ein. Befürworter und Gegner des Atomstroms versuchten dabei die wichtigsten Fragen zu beantworten. News.de gibt einen Überblick und fasst die Antworten zusammen:
Wie sicher sind die deutschen Reaktoren?
Die Antwort des Nuklear-Experten Wolfgang Renneberg überrascht: «Kein Kraftwerk in Deutschland ist zu 100 Prozent sicher.» Renneberg ergänzt, dass es sich dabei um eine Illusion handelt, die nur für die Bevölkerung aufrecht erhalten wird. Laut der Logik des Umweltministers Norbert Röttgen müssten alle Kraftwerke sofort abgeschaltet werden, da keines absolut sicher sei. Aus eigenen Erfahrungen weiß Renneberg, dass es schon allein durch die Betreiber immer ein Restrisiko geben wird. Im Atomkraftwerk Brunsbüttel hat er selbst erlebt, dass der Reaktor gefährlich gewackelt habe. Auch wichtige Leitungen seien aufgeplatzt gewesen. Erst die Aufsichtsbehörde habe den Reaktor vom Netz genommen. «Die Betreiber hätten davon gewusst, aber nichts unternommen», erzählt Renneberg.
Sind wir bereit, das Restrisiko zu tragen?
Erwin Huber (CSU) findet eine eindeutige Antwort auf diese Frage: «Ja, denn in 35 Jahren, in denen Energie aus Atomkraftwerken gewonnen wird, hat man viel aus dem Umgang mit ihnen gelernt.» Auch Ralf Güldner, Präsident des deutschen Atomforums, findet: «Deutsche Kraftwerke sind heute genauso sicher wie vor einer Woche», doch sei dies jetzt erst zum Thema geworden. Trotzdem hält er die Stresstests, die jetzt durchgeführt werden sollen, für notwendig. Güldner macht aber auch darauf aufmerksam, dass es nach derzeitiger deutscher Rechtslage «nicht gerechtfertigt ist, die Atomkraftwerke vom Netz zu nehmen». Auch Huber legt noch einmal nach: «In meiner Heimat gibt es keine Panik, die Menschen vertrauen den Betreibern und der Technik.» Der frühere bayerische Staatsminister lebt in unmittelbarer Nähe des Kernkraftwerks Isar 1. Parteikollege Horst Seehofer warnte vor Flugzeugabstürzen, weil bei Isar 1 für einen solchen Fall nicht ausreichende Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden sind.
Können wir den aktuellen Sicherheitsstandards überhaupt vertrauen?
Philosoph Richard David Precht findet: «Seit 2005/2006 ist bekannt, dass ‹Isar 1› keinem Flugzeugabsturz gewappnet ist.» Der Atomkraft-Gegner ist der Meinung, dass die deutsche Politik der Entwicklung realistischer Bedrohungsszenarien hinterherhinke. Seit Jahren würden die Menschen das immer gleiche Argument zu hören bekommen: «Die Atomkraftwerke sind sicher.» Doch wer kann das jetzt noch glauben?
Ist das geplante Abschalten der sieben Atomkraftwerke in Deutschland eine politische Panikreaktion?
Glaubt man dem Spiegel-Autor Jan Fleischhauer, dann ja. «Ein Gefühlstsunami hat die deutsche Politik bewegt», sagt er und ist zugleich davon überzeugt, dass die aktuellen Schritte der Regierung nur für einen gewissen Zeitraum für Beruhigung sorgen werden und dann die Diskussion wieder abebbt. Erhard Eppler (SPD), ein weiterer Gegner von Atomkraft in der Runde, kritisiert die Regierung: «Wenn jemand so schnell eine 180-Grad-Kehrtwende macht, weiß ich als Bürger nicht, wann die nächste kommt und wie sie aussieht.» Geht es nach ihm, muss der Moment genutzt werden, um aus der Atomenergie «vernünftig rauszukommen». Nuklear-Experte Renneberg ergänzt: «Eine Wiederbelebung der Kernenergie, wenn überhaupt, gibt es vor allem in den Ländern, in denen sie staatlich gefördert wird.»
Wie leicht ist das deutsche Volk zu beeinflussen?
«Der Motor des sozialen Geschehens ist der Affekt», sagt Atomkraft-Gegner Precht. In diesem Fall scheint dem Philosophen die von Gefühlen beherrschte Debatte recht zu sein. Er sagt weiter: «Nach Japan gibt es auch in Frankreich eine Anti-Atom-Bewegung. Und einer muss anfangen, auszusteigen.» Im Grunde müsse das Volk entscheiden, wie der Strom entsteht, den es nutzt. Allerdings hält er nichts davon, in der jetzigen Situation eine Volksabstimmung durchzuführen. Auch Güldner, Vertreter der Atom-Lobby, weiß: «Im Moment ist klar, wofür sich das Volk entscheiden würde.»
Werden die Änderungen dauerhaft sein?
Fleischhauer ist nicht davon überzeugt. «Auch nach dem 11. September war die Rede von Veränderungen,» sagt der Atomenergie-Befürworter und ergänzt: «Lange gehalten hat sich der Vorsatz nicht.» Gegenteiliger Meinung ist Eppler: «Es ist relativ wahrscheinlich, dass es bei der Abschaltung der Reaktoren bleibt.» Und irgendwo in der Mitte positioniert sich Precht, der findet: «Nur, wenn es seitens der Wähler eine Abstrafung bei den Wahlen gibt und der öffentliche Druck zunimmt.»
Woher könnte der Strom kommen, der im Moment von den Atomkraftwerken geliefert wird?
Die Antwort liegt scheinbar auf der Hand, zumindest wenn man Huber glauben kann: «Der Strom würde dann durch Kohleverbrennung gewonnen.» Allerdings wird das so ausgeschiedene Kohlenstoffdioxid auch wieder für Gegenbewegungen sorgen, weil genau das zum Schutz vor dem Klimawandel verhindert werden soll. Die Lösung, die Spiegel-Autor Fleischhauer vorschlägt, klingt einfach, aber schwer umsetzbar: «Verzicht.» Die Menschen müssten lernen, ihren Stromverbrauch einzuschränken. Letztes Wort bei der Beantwortung dieser Frage hat der Präsident des deutschen Atomforums Ralf Güldner: «Es wird verbrauchsstarke Monate geben, aber wir kommen hin.» Allerdings muss sich der Verbraucher auch auf einen Anstieg des Strompreises um bis zu 25 Prozent einstellen.
Was können die 50 verbliebenen Mitarbeiter der gefährdeten Atomkraftwerke in Japan jetzt noch tun, um Schlimmeres zu verhindern?
«So viel Kühlmittel bereitstellen, wie nur geht», rät Nuklear-Experte Renneberg. Kommt es zu einer Explosion einiger Reaktoren, seien 20 bis 30 Kilometer des Umlandes stark kontaminationsgefährdet. Ähnlich wie in Tschernobyl müsste dann eine Schutzzone errichtet werden, möglicherweise über Jahrzehnte. Allerdings könne über die Folgen im Moment nur spekuliert werden.
Wenn die gestrige Ausgabe von Menschen bei Maischberger eines gezeigt hat, dann, dass eine Gesprächsrunde mit Informationsgewinn für den Zuschauer tatsächlich möglich ist. Sandra Maischberger verabschiedete sich am Ende mit den Worten: «Das ist sicherlich erst der Beginn der deutschen Atom-Debatte» und bedankte sich bei ihrer Runde dafür, den Anfang gemacht zu haben. Dass es ein derart sachlich-sortierter Anfang war, macht Hoffnung auf einen positiven Verlauf.
on news.de-Mitarbeiter Ronny Janke
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