Neuschwabenland
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Regina
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Neuschwabenland
Im Juli und August 1945 - mehrere Monate nach Ende des zweiten Weltkriegs - wurden
zwei deutsche U-Boote von ihren Besatzungen im argentinischen Seebad Mar del Plata den Behörden übergeben. Ist es wirklich denkbar, dass diese Boote hochrangige Nazis zu einer geheimen Basis in der Antarktis verbracht haben? Und war diese Basis vielleicht auch das Ziel der mysteriösen US-amerikanischen Operation "Highjump" von 1946/47?
zwei deutsche U-Boote von ihren Besatzungen im argentinischen Seebad Mar del Plata den Behörden übergeben. Ist es wirklich denkbar, dass diese Boote hochrangige Nazis zu einer geheimen Basis in der Antarktis verbracht haben? Und war diese Basis vielleicht auch das Ziel der mysteriösen US-amerikanischen Operation "Highjump" von 1946/47?
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Regina
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Re: Neuschwabenland
Als vergangenen September im Fahrwasser der erfolgreichen LCROSS-Mission wieder mal jede Menge wilder und bizarrer Verschwörungstheorien durchs Netz geisterten, war natürlich auch die fast schon unvermeidliche Geschichte von der geheimen Nazi-Basis am Südpol und dem angeblichen Raumfahrtprogramm des Dritten Reichs dabei.
Ich wollte damals eigentlich schon etwas dazu schreiben, bin aber erst jetzt endlich dazu gekommen. Erstaunlicherweise verbirgt sich hinter der abwegig klingenden Geschichte nämlich mehr als nur eine wirre Phantasterei - vielmehr handelt es sich um eine geschickte Verquickung realer, wenn auch unzusammenhängender Ereignisse, die sehr schön illustriert, wie sich aus der harmlosen Suche nach Mustern, journalistischem Geltungsbedürfnis und braun-esoterischen Wunschvorstellungen ein dauerhaft bestehendes Konstrukt formiert.
Ich wollte damals eigentlich schon etwas dazu schreiben, bin aber erst jetzt endlich dazu gekommen. Erstaunlicherweise verbirgt sich hinter der abwegig klingenden Geschichte nämlich mehr als nur eine wirre Phantasterei - vielmehr handelt es sich um eine geschickte Verquickung realer, wenn auch unzusammenhängender Ereignisse, die sehr schön illustriert, wie sich aus der harmlosen Suche nach Mustern, journalistischem Geltungsbedürfnis und braun-esoterischen Wunschvorstellungen ein dauerhaft bestehendes Konstrukt formiert.
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Regina
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Re: Neuschwabenland
Nun begibt man sich natürlich auf einen schmalen Grat, wenn man über Verschwörungen bloggt, in diesem Fall existiert jedoch eine zitierfähige Quelle - ein 2007 erschienenes, peer-reviewtes(!) Paper von Colin Summerhayes und Peter Beeching vom Scott Polar Research Institute der University of Camebridge, die sich mit der Historie hinter "Neuschwabenland" und den britischen bzw. US-amerikanischen Militäroperationen "Tabarin", "Highjump" und "Argus" befasst haben:
Summerhayes, C., & Beeching, P. (2007). Hitler's Antarctic base: the myth and the reality Polar Record, 43 (01) DOI: 10.1017/S003224740600578X
Auf 21 Seiten arbeiten sich Summerhayes und Beeching durch fast alle gängigen Theorien, die Stück für Stück anhand historischer Dokumente sowie wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Antarktis widerlegt werden, bis letzten Endes nur der historische Kern übrig bleibt. Alles in allem ein absolut lesenswertes Paper, welches ich nachfolgend kurz zusammenfassen möchte, wobei selbst die Kurzfassung für einen Blog ungewöhnlich lang ausfällt, was man mir angesichts der Länge des Artikels sowie der Vielzahl an Quellen bitte nachsehen möge.
Summerhayes, C., & Beeching, P. (2007). Hitler's Antarctic base: the myth and the reality Polar Record, 43 (01) DOI: 10.1017/S003224740600578X
Auf 21 Seiten arbeiten sich Summerhayes und Beeching durch fast alle gängigen Theorien, die Stück für Stück anhand historischer Dokumente sowie wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Antarktis widerlegt werden, bis letzten Endes nur der historische Kern übrig bleibt. Alles in allem ein absolut lesenswertes Paper, welches ich nachfolgend kurz zusammenfassen möchte, wobei selbst die Kurzfassung für einen Blog ungewöhnlich lang ausfällt, was man mir angesichts der Länge des Artikels sowie der Vielzahl an Quellen bitte nachsehen möge.
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Regina
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Re: Neuschwabenland
Gängige Verschwörungstheorien
Wie Summerhayes und Beeching feststellen, widersprechen sich die Autoren der meistverkauften Bücher über die vermeintliche Antarktis-Basis in so vielen Punkten,
dass man kaum noch von einer einheitlichen Theorie sprechen kann. Hinsichtlich der Eckdaten besteht jedoch eine gewisse Einigkeit: Ausgangspunkt ist in jedem Fall die deutsche Antarktis-Expedition von 1938/39, in deren Rahmen mit der Errichtung einer geheimen Militärbasis in einem von den Teilnehmern der Expedition Neuschwabenland getauften Areal östlich des Weddell-Meeres begonnen wurde.
Wie Summerhayes und Beeching feststellen, widersprechen sich die Autoren der meistverkauften Bücher über die vermeintliche Antarktis-Basis in so vielen Punkten,
dass man kaum noch von einer einheitlichen Theorie sprechen kann. Hinsichtlich der Eckdaten besteht jedoch eine gewisse Einigkeit: Ausgangspunkt ist in jedem Fall die deutsche Antarktis-Expedition von 1938/39, in deren Rahmen mit der Errichtung einer geheimen Militärbasis in einem von den Teilnehmern der Expedition Neuschwabenland getauften Areal östlich des Weddell-Meeres begonnen wurde.
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Regina
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Re: Neuschwabenland
Lage des "Neuschwabenland"-Areals im Königin-Maud-Land (Quelle: Wikipedia)
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Regina
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Re: Neuschwabenland
Diese Basis wird während der Kriegsjahre beständig ausgebaut, wobei U-Boote Personal und Material in die Antarktis verbringen. Im Jahr 1943 - die Basis verfügt inzwischen über einen befestigten U-Boot-Hafen und - je nach Phantasie des Autors - eine mehrere hundert oder tausend Mann starke Besatzung, unternimmt der britische Special Air Service (SAS) den ersten von mehreren Angriffsversuchen, die jedoch allesamt scheitern. Kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs transportieren die letzten U-Boote, die deutsche Häfen verlassen, hochrangige Nazis, geheime Waffen, Gold und andere Werte nach Neuschwabenland.
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Regina
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Re: Neuschwabenland
Um den verbliebenen Nazi-Außenposten zu zerstören, entsendet US-Präsident Truman ein Expeditionsheer unter dem Kommando von Konteradmiral Byrd in die Antarktis. Dieser muss seine Mission jedoch vorzeitig und unter großen Verlusten abbrechen und warnt nach seiner Rückkehr vor einer ominösen Bedrohung der Vereinigten Staaten durch Flugobjekte, die über die Pole nach Amerika vorstoßen könnten. Unter dem Vorwand eines Atomtests wird die Basis schließlich 1958 im Rahmen der Operation "Argus" durch drei Nuklearwaffen zerstört.
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Regina
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Re: Neuschwabenland
Soweit die gängige Geschichte, wobei Summerhayes und Beeching in ihrem Paper - wie auch ich in diesem Blogpost - auf die nähere Betrachtung der zahlreichen esoterisch angehauchten und daher nicht falsifizierbaren Ausschmückungen dieses Grundgerüsts (Thule-Gesellschaft, Flugscheiben, freie Energie etc.pp.) verzichten. Wer sich eine Vorstellung davon machen will, welch wirre Dimensionen die Neuschwabenland-Story in esoterischen Kreisen inzwischen angenommen hat, dem sei ein kurzer Blick in diesen Blogpost eines alten Bekannten empfohlen (Aspirin bereithalten). Hunderte weiterer Fassungen - viele allerdings auf braun angehauchten Webseiten und daher nicht verlinkbar - lassen sich via Google finden.
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Regina
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Re: Neuschwabenland
Die Schwabenland-Expedition
Um dem "wahren Kern" hinter der Neuschwabenland-Geschichte auf den Grund zu gehen, muss man sich zunächst die Bedeutung der Walfang-Industrie im Dritten Reich vor Augen führen. Nachdem 1935 in Bremerhaven die Erste Deutsche Walfang-Gesellschaft (mbH) gegründet worden war, avancierte die Walfang-Industrie bis Ende der 30er Jahre zu einem recht bedeutenden Zweig der deutschen Wirtschaft. Über 50 Walfang-Schiffe und sieben schwimmende Fabriken wie die Jan Wellem lieferten in der Saison von 1938/39 knapp 500.000 Barrel Walöl - zudem sorgte der Walfang auch für das für die Herstellung von Sprengstoffen wichtige Glyzerin. Das Streben der Nazi-Führung nach weitestgehender Unabhängigkeit von Importen führte dazu, dass der Vierjahresplan von 1936 einen umfangreichen Ausbau der deutschen Walfangflotte vorsah.
Um dem "wahren Kern" hinter der Neuschwabenland-Geschichte auf den Grund zu gehen, muss man sich zunächst die Bedeutung der Walfang-Industrie im Dritten Reich vor Augen führen. Nachdem 1935 in Bremerhaven die Erste Deutsche Walfang-Gesellschaft (mbH) gegründet worden war, avancierte die Walfang-Industrie bis Ende der 30er Jahre zu einem recht bedeutenden Zweig der deutschen Wirtschaft. Über 50 Walfang-Schiffe und sieben schwimmende Fabriken wie die Jan Wellem lieferten in der Saison von 1938/39 knapp 500.000 Barrel Walöl - zudem sorgte der Walfang auch für das für die Herstellung von Sprengstoffen wichtige Glyzerin. Das Streben der Nazi-Führung nach weitestgehender Unabhängigkeit von Importen führte dazu, dass der Vierjahresplan von 1936 einen umfangreichen Ausbau der deutschen Walfangflotte vorsah.
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Regina
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Re: Neuschwabenland
Das deutsche Walfang-Fabrikschiff Jan Wellem (links) (Quelle: Bundesarchiv)